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2.3 Psychosoziale Definition Eine weitere Definition der Sucht besagt, daß
Mit dieser Formulierung sind mehrere Perspektiven auf die Sucht impliziert, denen die folgenden Unterkapitel gelten und die ein psychosoziales Verständnis der Sucht als dem Problem am ehesten angemessen erscheinen lassen. 2.3.1 Zeitliche Dimension der Sucht Mit der in 2.3 genannten Definiton wird zum erstenmal der zeitlichen Dimension der Sucht entsprechende Aufmerksamkeit geschenkt. Die Verknüpfung gegenwärtiger mit in die Zukunft gerichteter Perspektive scheint ein Schlüssel zum Verständnis der Sucht zu sein. Von Gebsattel (Gebsattel 1954, zitiert nach Heimann 1994):
Aus Sicht der Umwelt klinkt sich die süchtige Person also auf gewisse Weise aus der Zeit aus. Andererseits spricht einiges dafür, daß das zeitliche Erleben im süchtigen Verhalten gegenüber dem nüchternen Zustand verändert ist (vgl. Kuhn 1994). Mit der Dimension der Zeit ist daher auch die fundamentale ontologische Dimension der Sucht als besonderer Form des Zeiterlebens angesprochen (vgl. Thiel 1993). 2.3.2 Sucht als entwicklungshemmender Faktor Außerdem greift obengenannte Definition der Sucht in der Formulierung "psychosoziale Entwicklung" die Bedingtheit von Entwicklung und Beziehungen des Individuums zu seiner Umwelt auf. Der Mensch befindet sich zeitlebens in Entwicklung, er ist ein Lebewesen, das sich in Austauschprozessen mit seiner Umwelt befindet, diese prägt und von ihr geprägt wird. Als Ideal gilt das mündige, selbstbestimmte und -verantwortliche Individuum, das in befriedigenden Beziehungen mit seiner Umwelt lebt (Hallmann 1991). Sucht wird in dieser Definition daher als - die Entwicklung des Individuums zu befriedigenden Beziehungen - beeinträchtigendes Verhalten bzw. destruktive Entwicklung gesehen (Heimann 1994). Sucht entspricht damit einem Zustand der Endostase, d.h. Erstarrung, statt dem - Lebewesen angemessenen - Zustand der Homöostase, d.h. einem dynamischen Gleichgewicht. 2.3.3 Ökologische Perspektive der Sucht Drittens eröffnet obige Definition der Sucht eine ökologische Sichtweise, insofern sie eine Unterscheidung von süchtigem Verhalten ("...soviel Zeit aufgewendet...") und süchtigem Individuum ("...Entwicklung der Person...") trifft und beide in Beziehung zur Umwelt ("...psychosozial...") setzt (vgl. Tretter 1998). Sie lenkt damit den Blick weg vom süchtigen Individuum hin zu Austauschprozessen zwischen Individuum, süchtigem Verhalten und Umwelt, womit Sucht als Wechsel- und Zusammenwirkung vieler Faktoren erkennbar wird. Das Schema (folgende Seite) verdeutlicht folgende Beziehungen:
Individuum - Umwelt, deren Wechselbeziehung und evtl. Förderung süchtigen Verhaltens. Indivduum - süchtiges Verhalten, also Wechselwirkung von individueller Disposition und süchtigem Verhalten, außerdem deren Auswirkungen auf die Außen- (Um-)Welt. Sucht als Zusammenspiel aller drei Komponenten in personal und temporal wechselnder Konstellation. Der Vorteil dieser Aufspaltung und
anschließenden Integration des Suchtkomplexes liegt vor allem in seiner
entemotionalisierenden Wirkung, die oftmals fehlt, wenn das süchtige Individuum
fokussiert wird. Damit ist die genannte Definition der Sucht die umfassendste,
aber auch weitestgehende und am ehesten weiterführende, weshalb sie dem
Folgenden zugrundegelegt wird.
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