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Suchtprävention in der Schule

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2. Definitionen der Sucht

2.1Soziologische Definition

Nachdem bisher deutlich geworden ist, daß Sucht ein vielschichtiger Komplex ist, stellt sich die Frage, wie Sucht in unserer Gesellschaft definiert und damit kommuniziert wird. Eine erste, soziologische Definition wurde bereits unter 1.2 gegeben, die hier aus Gründen der Gegenüberstellung noch einmal wiederholt werden soll:

Sucht wird konstituiert durch

(1) sozial auffälligen Konsum

(2) der herrschenden Ideologie entgegenstehender Konsum (z.B. sind heute Kokain-, Arbeits- oder Kaufsucht weniger geächtet als Abhängigkeit von sedierenden Stoffen, vgl. Legnaro 1995)

(3) Erfindung des Phänomens Sucht als Ausgrenzungsmechanismus, daher ihr epidemiologischer Charakter (vgl. Emlein 1998)

2.2 Medizinische Definition

In der individualisierten Gesellschaft dominieren freilich auch individualisierende Definitionen der Sucht, maßgebend sind hier ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Disorders, 10th Revision) der Weltgesundheitsorganisation von 1992 und DSM-IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 4th Edition) der American Psychiatric Association von 1994, die als standardisierte Diagnosekriterien in der medizinischen Welt Anwendung finden. Sie heben vor allem auf eine Unterscheidung des Drogenmißbrauchs von der -abhängigkeit ab. Die Kriterien nach ICD-10 (ICD-10 1996) sind:

(1) Drogenmißbrauch: - gelegentlicher Konsum

- Gesundheitsschädigung durch Konsum, z.B. "Kater" nach Alkohol

(2) Drogenabhängigkeit: - starkes Bedürfnis nach Konsum

- anhaltender Konsum trotz Gesundheitsschädigung

- Vorrang des Konsums vor anderen Aktivitäten und Verpflichtungen

- Toleranzentwicklung, d.h. gegenüber Nichtabhängigen höhere Dosis für gleiche Wirkung

- manchmal körperliches Entzugssyndrom

In der Praxis bereitet die Anwendung dieser Definitionen Schwierigkeiten. Wie bei allen psychiatrischen Kategorien fällt eine zuverlässige Zuordnung des Einzelfalls oft schwer (Nissen 1994). So eröffnet das Kriterium der Gesundheitsschädigung ein weites Feld, über das vermeintlich harte Kriterium der Toleranzentwicklung liegen widersprüchliche Ergebnisse vor (vgl. Wolffgramm 1996). Dies vor dem Hintergrund, daß es bereits im Kapitel über "Störungen durch Einnahme psychotroper Substanzen" in DSM-III (Vorgänger von DSM-IV) heißt:

"In unserer Gesellschaft wird die Einnahme bestimmter Substanzen zur Beeinflussung der Stimmung oder des Verhaltens in einem gewissen Rahmen allgemein als normal und angemessen angesehen" (DSM-III 1980, Übersetzung W.K.).

Der Wert der medizinischen Definitionen der Sucht liegt daher eher in einer öffentlichkeitswirksamen Verständigung über das Vorhandensein des Phänomens Sucht als in wirklich stichhaltigen Kriterien. Aus systemischer Sicht ließe sich behaupten, daß damit ein umfassendes System professioneller Hilfe sprich "Sozialkontrolleure" (Heim 1993) rechtfertigt wird (z.B. Emlein 1998). Sie sind außerdem Ausdruck dafür, daß psychosoziale Probleme aus Gründen der Handhabbarkeit nach Möglichkeit medizinisch zu fassen versucht werden (ebd.).

Darüberhinaus zeigt sich in den medizinischen Definitionen auch die Zuschreibungsfunktion der Sucht: alle aufgeführten Kriterien beschreiben lediglich äußerlich sichtbares menschliches Verhalten. Sie teilt damit das Schicksal jeglicher psychiatrischen Kategorisierung, die einem Verhalten immer eine bestimmte Motivation unterstellt (Foucault 1968). Erheblich differenzierter geben dagegen psychologische Tests Auskunft über das Vorliegen einer Sucht, z.B. der von Feuerlein entwickelte und vielzitierte MALT (Münchener Alkoholismustest) (Heimann 1994). Die Verbreitung der obengenannten medizinischen Definition der Sucht rührt daher aus ihrer vermeintlichen Stichhaltigkeit, für Therapie und Prävention der Sucht ergeben sich daraus kaum Anhaltspunkte.

 

  
Suchtvorbeugung in Schule und Jugendarbeit
von Heinz Kaufmann
Siehe auch:
Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde:...
Die 50 besten Spiele fürs Selbstbewusstsein
Sonstige Artikel:
Sämtliche Märchen
Lokale Netze: Handbuch der kompletten Netzwerktechnik - Studentenausgabe
 
   
 
     
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