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1.4 Die Suchtgesellschaft? Das 20. Jhrdt. ist gekennzeichnet durch umfassende Industrialisierung, die wegen der damit verbundenen Umweltzerstörung an ihre Grenzen stößt, wie der "Club of Rome" in den 70er Jahren erstmals artikulierte. Außerdem prägen fortschreitende Technisierung und Globalisierung dieses Jahrhundert. Gesellschaftlich läßt es sich als durch Zersplitterung geprägt bezeichnen, d.h. die Gesellschaft zerfällt in eine Vielzahl von Gruppen, die ihre jeweils eigenen Interessen verfolgen, sich oft gegenseitig nicht wahrnehmen und zwischen denen oftmals keine Kommunikation stattfindet. Gleichzeitig formieren sich die Gruppen der Gesellschaft ständig neu, ein unübersehbarer Prozeß der Agglomeration und Auflösung findet statt, Luhmann spricht von Kontingenz (Luhmann 1987). Das Leben der Individuen ist ebenfalls durch Segregation gekennzeichnet. Die Menschen gehen vielfältigen Aktivitäten nach, die jeweils ihren eigenen Kontext besitzen und voneinander getrennt sind: das Berufs- vom Privatleben, das Hobby vom Familienleben, der Alltag vom Urlaub, die Konsum- von der Arbeitswelt, der Freundeskreis A vom Freundeskreis B, die Bilder- von der realen Welt, Schule vom Zuhause, der Sportverein vom Diskobesuch, der Einpersonenhaushalt vom Beziehungs-, das politische vom privaten Leben. In jedem dieser Bereiche gelten andere Regeln, jede dieser Aktivitäten fordert ihre oftmals ausschließliche Aufmerksamkeit, Tretter spricht von "Parallelwelten" als "geschlossene[n] Sinnsysteme[n] [...], die aus aufeinander bezogenen Inhalten und Werten bestehen, sich jedoch stark voneinander abgrenzen" (Tretter 1998). Für "das Ich, das die Grenze zu allem Außerhalb, zur Gegenständlichkeit bildet" (Niebling 1997), bedeutet das, daß es sich in vielen Welten bewegen muß.
In der Formulierung von Fromm bedeutet die moderne Welt eine neue Qualität in der Geschichte der Menschheit. Mehr als in früheren Zeiten unterliegt der Mensch dem Zwang zur Selbststeuerung (vgl. Elias 1990). Nicht mehr größere menschliche Einheiten wie Familie, Sippe, Volksgruppe etc. bestimmen die Lebensführung, sondern der Einzelne muß von Situation zu Situation entscheiden, wie er sich verhält. Nach Niebling ist der Mensch in der modernen Welt auf sich selbst geworfen (Niebling 1997). Einher mit Individualisierung und Freiheit gehen Gefühle der Ohnmacht, Angst, Einsamkeit und Sinnlosigkeit.
Die Antwort der bürgerlichen Gesellschaft auf diese Situation der Orientierungslosigkeit und Auf-sich-selbst-Geworfenheit der Menschen besteht nach Niebling im Streben nach Konsum und dem Anhäufen materieller Werte, mit denen die Menschen versuchen, sich Sicherheit und Orientierung zu verschaffen. Sie verhalten sich damit gemäß einer "bürgerlichen Rationalität" (ebd.), die in der Akkumulation ihr höchstes Ziel sieht, also der Quantität verhaftet ist. Konsum und Akkumulation ersetzen die Transzendenzen früherer Zeiten und bekommen quasireligiösen Charakter (ebd.). Auch der moderne Drogenkonsum ist nach Niebling dem Gesetz der Menge unterworfen. Einhergehend mit dem Zwang zu Rationalität und Produktivität steigt das Bedürfnis nach Entspannung, Glück und Gemeinschaft - und damit auch das Bedürfnis nach Rausch und Ekstase. Im Unterschied zu früher wird aber auch der Rausch heute effektiv zu gestalten versucht, d.h. es werden Drogen zu Entlastungszwecken konsumiert, der Gebrauch geschieht individuell, die Wirkung wird antizipiert; Drogenkonsum wird damit unter rationalen Gesichtspunkten gehandhabt, oberstes Ziel ist das Funktionieren des Individuums in der Gesellschaft (ebd.). Damit ist der Rausch seiner Qualität, der Nichtrationalität, beraubt - das Bedürfnis der Menschen nach Transzendenz, nach übermenschlicher Struktur, nach Einheit mit dem Universum bleibt ungestillt (ebd.). Nach Niebling ist der echte und reuelose Rausch als gemeinschaftliches Erleben einer jenseitigen Welt daher in der bürgerlichen Gesellschaft unwiderbringlich verloren - Waren- wie Drogenkonsum schließen als "hedonistische Variante der bürgerlichen Rationalität Freude, Rausch und Ekstase [...] aus" (ebd., S.102). Konsequenz ist ein Drogenkonsum, der sich allein an Art und Menge ausrichtet, dem aber die rekreierende Funktion des Rausches fehlt, und der daher maßlos wird. Dies konstituiert nach Niebling Sucht (Niebling 1997). Es wird deutlich, daß Niebling auch die Vernunft, die Ratio, für verselbständigt hält, die ihren Bezug zur Ganzheit des Lebens verloren hat: "In ihrer freudlosen Exzessivität aber wird die instrumentelle Vernunft zur Sucht" (ebd., S. 102). In der bürgerlichen Gesellschaft hat sich laut Niebling auch die Vernunft in den Dienst der Akkumulation gestellt und ist dem Gesetz der Menge unterworfen; damit verliert sie ihre Qualität als Instrument zur Erkennung dessen, was dem Gemein- wie dem individuellen Wohl dient (Niebling 1997). Nach Niebling leben wir daher in einer Gesellschaft, die insgesamt als süchtig charakterisiert werden kann - aus marxistischer Sicht ist Sucht Struktur und Ausdruck der Industriegesellschaft zugleich. Drogensucht als gesellschaftliches Thema stellt in dieser Perspektive vor allem ein Symptom dar, in dem sich der Disziplinierungswille der Gesellschaft äußert (ebd.). Gleichwohl sieht Niebling Drogensucht auch als individuelles Problem, dem er allerdings nur mit Blick auf die Gesellschaft Heilung verspricht. Ähnlich aussichtslos wie Niebling aus
marxistischer Sicht sieht Schaef das Suchtgeschehen aus feministischer Sicht:
Sucht sei Ausdruck und Symptom des "Männlichen Systems" (Schaef 1989). Einher
mit diesen universalen Entwürfen geht eine Tendenz in den 80er Jahren, den
Begriff "Sucht" inflationär auszudehnen. Plötzlich war von Sex-, Arbeits-,
Kauf-, Ich-, Fernseh-, Reise-, Rekord-, Tanz-, Autofahr-, Computer-,
Abenteuersucht etc. die Rede (vgl. Winter 1993). Auch wenn dies teilweise
Umbenennungen bzw. Umdeutungen alter psychopathologischer Zustandsbilder sind
(z.B. Poriomanie = Wandersucht, vgl. Nissen 1994), teilweise Modeerscheinung
(Heim 1993), zeigt sich darin dennoch, daß süchtige Verhaltensweisen auf viele
Lebensbereiche übergreifen und als durchgängiges Merkmal der heutigen
Gesellschaft aufgefaßt werden können. In neuerer Zeit machen vor allem Risiko -
Sportarten von sich reden, denen ebenfalls Suchtpotential unterstellt werden
kann (Winter 1993).
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