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Suchtprävention in der Schule

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1.2 Geschichte der Sucht

Die historischen Beispiele der Reglementierung zeigen, daß auch in früheren Zeiten der Konsum von Drogen an bestimmte Regeln gebunden war, einige Stimmen warnten bereits damals vor übermäßigem Gebrauch (siehe 1.1). Allgemein galt schwerer Rausch aber bis ins 15. Jhrdt. als normales und nicht besorgniserregendes Phänomen und erregte keinerlei Anstoß (Emlein 1998). Im Extremfall kontinuierlichen exzessiven Konsums wurde darin ein individuelles Problem gesehen, für das je nach Kultur Geister oder Krankheit verantwortlich gemacht wurden (ebd.).

Dies ändert sich im ausgehenden Mittelalter (16. Jhrdt.). Die Feudalherrschaft bröckelt, ein aufstrebendes Bürgertum läßt eine Ideologie entstehen, die lustfeindlich ist und exzessiven Konsum als Versagen im Kampf um wirtschaftlichen Aufstieg sieht (ebd.). Streben nach Erfolg ist nun wichtig, Leistung gilt als gottgefällig. Rausch und Genuß dagegen sind schlecht - "was früher Lust gewesen ist, wird jetzt zu [Laster und (W.K.)] Sucht" (ebd.). Von da an begleitet das Motiv persönlicher Schuld den nicht tolerierten Konsum, das Phänomen Sucht ist geboren (ebd.). Sucht besitzt damit deutlich eine soziologische Dimension als Mechanismus der Ausgrenzung gesellschaftlicher Gruppen (ebd.). Drei Konstituentien der Sucht lassen sich bestimmen:

(1) sozial auffälliger Konsum

(2) der herrschenden Ideologie entgegenstehender Konsum (z.B. sind heute Kokain-, Arbeits- oder Kaufsucht weniger geächtet als Abhängigkeit von sedierenden Stoffen, vgl. Legnaro 1995)

(3) Erfindung des Phänomens Sucht als Ausgrenzungsmechanismus, daher ihr epidemiologischer Charakter (vgl. Emlein 1998)

Trotz dieses Umschwungs bleibt neben dem Motiv der Schuld auch der Krankheitscharakter der Sucht erhalten. Das folgende Zeitalter der Aufklärung verstärkt diese Ambiguität im Suchtverständnis: Einerseits gilt übermäßiger Konsum als vernunftfeindlich und damit verwerflich, andererseits versucht eine erstarkende Medizin, auch die Sucht als Krankheit zu erfassen (Rodegra 1993). Diese divergierende Sicht auf die Sucht zieht sich bis heute durch die Suchtforschung, die zwar Erfolge in der Erforschung der Neurobiologie der Sucht vorweisen kann, die Therapie aber nach wie vor weitgehend Pädagogik und Psychologie überlassen muß (Topel 1991).

1.3 Sucht in der Moderne

Entwicklungen im 19. Jhrdt. führen schließlich zu einem Verständnis der Sucht, das sie als im Verantwortungsbereich der Gesellschaft liegend begreift, die ihr mit den Mitteln der Erziehung, Medizin und Restriktion zu begegnen hat (Gastpar 1996). Diese Entwicklungen sind:

Technologie: Im Zuge der Industrialisierung werden ebenso wie andere Güter auch Drogen - zu medizinischen Zwecken - industriell hergestellt, mit gegenüber den Rohstoffen potenzierter Wirkung. 1827 bringt die Firma Merck das aus Opium gewonnene Morphium auf den Markt, das als Hausmittel ähnlich dem heutigen Aspirin Verwendung in der Mittelschicht findet, außerdem als Schmerzmittel (ebd.). Um 1850 wird die subkutane Injektion entdeckt, die die Wirkungsweise des Morphiums nochmals potenziert und präzisiert (ebd.). Um dieselbe Zeit kommen mit neuen Transportmitteln auch bisher ungebräuchliche Drogen wie Haschisch und Koka in die Industrieländer (Tretter). 1860 wird aus Koka Kokain gewonnen und 1862 von Merck auf den Markt gebracht (ebd.). 1891 werden zum erstenmal Amphetamine im Labor hergestellt und kommen als Appetitzügler zum Einsatz (Fromberg 1997), 1898 bringt Bayer das ursprünglich gegen Morphiumsucht entwickelte Heroin auf den Markt, das als Hustenmittel eingesetzt wird mit dem Argument, nicht süchtig zu machen (Dammer 1991).

Militärische Konflikte: In den Kriegen des 19. Jhrdts., u.a. im amerikanischen Bürgerkrieg 1861 - 1865 und dem deutsch-französischen Krieg 1870/71, kommt Morphium massenhaft als Schmerzmittel zum Einsatz (Gastpar). Dadurch gelangt es in breitere Kreise der Bevölkerung, die Morphium vorher nicht kannten und deren Konsummuster andere als die der Mittelschicht sind. Die heimkehrenden süchtigen Soldaten wirken zudem als Multiplikatoren, da nun auch Pflegepersonen und Angehörige mit Morphium konfrontiert sind - Sucht breitet sich aus (ebd.).

Gesellschaftlicher Wandel: Mit der zunehmenden Industrialisierung gegen Ende des 19. Jhrdts. ändern sich auch die Lebensverhältnisse der Menschen und die Gesellschaft insgesamt. Traditionelle Strukturen treten zurück zugunsten neuer Formen des Zusammenlebens, der Sippenverband löst sich zugunsten kleinerer Lebensgemeinschaften auf. Gleichzeitig wird Gemeinschaft auf anderen Ebenen gesucht, man organisiert sich in Clubs und Interessengemeinschaften, der gesellschaftliche Status, den eine Person einnimmt, wird zum wichtigen Bestandteil der Identität. Gleichzeitig setzen gewaltige Menschenströme zwischen den Erdteilen ein und bringen einheimische Drogen und Konsummuster mit, z.B. Chinesen an der amerikanischen Westküste (Gastpar). Andererseits treffen sie auf in den Einwanderungsländern gebräuchliche Drogen, vor allem Alkohol (Tretter). Die Einwanderungsländer wiederum exportieren Drogen und Drogentechnologie, führend ist bis zum ersten Weltkrieg die deutsche Chemieindustrie (Dammer 1991). Ein weltweiter Drogentransfer setzt ein, kulturell desintegrierter Konsum ist die Folge (Tretter).

Auf der Suche nach neuen Gemeinschaften gilt auch der Vorzug einer bestimmten Droge als identitätsstiftend, in Paris gibt es bereits um 1850 einen Club der Haschischesser, dessen Protagonist der Schriftsteller Baudelaire ist (vgl. Rauh 1993). Gleichzeitig entsteht aber ausgehend von den USA auch eine starke Abstinenzbewegung, auf deren Grundlage schließlich die Einsicht wächst, daß die Staaten durch gesetzliche Regelungen dem ungehinderten Drogenkonsum Einhalt gebieten müssen (Gastpar). Diese Bestrebungen münden 1912 im "Haager Abkommen", das weltweit den Handel mit Drogen zwischen den Unterzeichnerstaaten regelt (Dammer 1991).

 

  
Ecstasy, Mushrooms, Speed & Co. [Restexemplar] (Taschenbuch)
von Nadja Wirth,
Ulrich Pultke
Siehe auch:
XTC. Ecstasy und Co. Alles über Partydrogen.
von Patrick Walder
Drogen
von Bernhard van Treeck
Harte Drogen, weiche Drogen?
von Karl Ludwig Täschner
Handbuch der Rauschdrogen.
von Wolfgang Schmidbauer
 
    
     
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