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Die Spitze an Sinn, man spürt es, ist das Rätsel. Jacques Lacan 0. Einleitung Sucht ist ein weltweit verbreitetes Phänomen, das vor allem in den Industriegesellschaften als Problem mit epidemischem Ausmaß begriffen wird. Viele Institutionen in den modernen Gesellschaften sind mit den Auswirkungen der Sucht beschäftigt: Gesundheitswesen, kommunale Verwaltungen, Politik und Justiz. Ebenso werden viele Maßnahmen ergriffen, die der Sucht Einhalt gebieten sollen. Da Sucht eng an die Einnahme psychotroper Substanzen gebunden ist, ist ihr Konsum gesetzlich geregelt, es wird in legale und illegale Suchtstoffe unterschieden, die von Land zu Land unterschiedlich definiert werden. In der Bundesrepublik gilt das Betäubungsmittelgesetz (BtMG), das Besitz und Handel psychotroper Substanzen strengen Richtlinien unterwirft. Polizei und Justiz sind mit der Überwachung dieses Gesetzes beauftragt, ein erheblicher Teil der Inhaftierten in Vollzugsanstalten rekrutiert sich aus Delikten gegen das BtMG; ein Drittel der Inhaftierten sind drogensüchtig, darunter überproportional viele Frauen und Kurzzeitinhaftierte ("Aktuelle Stunde" im WDR-Fernsehen vom 17.4.00). Darüberhinaus wird Sucht in unserer Gesellschaft vor allem in wirtschaftlichen Zahlen erfaßt, d.h. im Gesundheitswesen werden Therapieplätze und -kosten errechnet, die Wirtschaft stellt Statistiken zu Arbeitsausfällen und Produktivitätseinbußen auf. Das Thema Sucht erfährt aber auch in der Öffentlichkeit eine breite Aufmerksamkeit. Die Angst, mit Sucht konfrontiert zu werden, trifft vor allem Eltern, die fürchten, daß ihre Kinder angesichts des großen und leicht zugänglichen Angebots an Suchtstoffen süchtig werden. Dies führt zu verschiedenartigsten Bemühungen, sich davor zu schützen, z.B. versuchen Eltern, Einfluß auf das Schulgeschehen zu nehmen, um dort den Drogenhandel zu unterbinden. In Irland, mit der europaweit derzeit höchsten Rate an Heroinkonsumenten, haben sich in besonders betroffenen Gegenden Bürgerwehren gebildet (Reportage im Öff.-Rechtl. Fernsehen 1999, näheres nicht rekonstruierbar). Abgesehen von solchen spektakulären Maßnahmen wird aber auch erkannt, daß Sucht ein weit verbreitetes Phänomen ist und gravierende Auswirkungen im gesellschaftlichen Umfeld der Betroffenen hat. Von daher wird Sucht auf vielen Ebenen in der Gesellschaft thematisiert und es bilden sich z.B. Betroffenen- und Angehörigengruppen, die neben Selbsthilfe auch Öffentlichkeitsarbeit leisten. Sucht hat aber auch - und das macht den Kampf gegen sie schwierig - eine faszinierende Seite. Das Thema findet nicht nur vielfältigen Niederschlag in Kunst und Literatur - Fallada, Hemingway u.a. sind vielgelesene Autoren (vgl. Schwertl 19981) -, Sucht nimmt auch in der Literatur einen breiten Raum ein (vgl. Rau 1993). In der Musikszene ist ihr Einfluß noch offensichtlicher, populäre Rockmusik galt schon als Wegbereiter für Drogenkonsum (Tretter 1998). Letztlich scheint der gesamte Kreativbereich ohne Suchtstoffe nicht denkbar (vgl. Pfeiffer 1987). Ein weiteres Beispiel ist das Buch "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", das 1979, auf dem Höhepunkt der bundesdeutschen Opiatwelle, Eingang in weite Kreise der Bevölkerung fand (Bockhofer 1988) - das aber auch aufschreckte und verstärkt die Frage nach den Ursachen stellen ließ. Seither scheint das Bild der Sucht in den Massenmedien durch das Extrem des verelendenden jungen bis minderjährigen Fixers bzw. der Fixerin gekennzeichnet zu sein - Sucht haftet offenbar der Effekt des Nervenkitzels an (Dammer 1991). Sucht ist damit bei weitem nicht die homogene Erscheinung, als die sie oft hingestellt wird, wenn es um Maßnahmen zur Eindämmung des Problems geht (vgl. Nissen 19941). Spätestens hier - bei Vorschlägen zur Prävention - zeigt sich, mit wieviel Emotionalität die Suchtthematik behaftet ist und mit wieviel Ideologisierung die Diskussion um sie geführt wird - wenn z.B., wie in etlichen Diskussionsbeiträgen zur Prävention, der Konsum von Tabak und Alkohol verteufelt wird (z.B. Hesse 1993). Wenn daher, wie in dieser Arbeit, Suchtprävention - Prävention der Sucht oder Prävention von Sucht - das Thema ist, scheint es sinnvoll, etwas weiter auszuholen und das Phänomen Sucht mit seinen Insignien, den Drogen, in einen kulturgeschichtlichen Zusammenhang zu stellen, um daraus Schlüsse auf die Möglichkeiten von Prävention zu ziehen. Prävention (lat.: praevenire = zuvorkommen, überholen) bedeutet Vorbeugen, Verhüten, einem unerwünschten Geschehen, in diesem Fall der Sucht, zuvorkommen, z.B. durch Erziehung. Inwiefern Schule hierzu einen Beitrag leisten kann, gilt es zu untersuchen und darzustellen. Nachdem daher im ersten Teil die Bereiche
Sucht und Drogen thematisiert werden, wird anschließend auf die
Suchtproblematik, wie sie sich für Kinder und Jugendliche darstellt,
eingegangen, wobei der Schwerpunkt auf einer entwicklungspsychologischen
Sichtweise liegt. Im dritten Teil stehen die Bedingungen der Schule, und wie
hier Suchtprophylaxe betrieben werden kann, zur Diskussion. Dabei komme ich zu
dem Ergebnis, daß Suchtprävention im Sinne eigens hierfür konzipierter
Unterrichtseinheiten eher wenig sinnvoll ist, stattdessen süchtigem Verhalten
vorbeugendes Lernen in das alltägliche Unterrichtsgeschehen integriert werden
sollte. Zum Schluß geht es um die Bedeutung für Lehrerinnen und Lehrer, sich
fortzubilden bzw. durch eigene Schulungen und kollegiale Gruppen die
Handlungskompetenz und Unterrichtsqualität zu erhöhen und dadurch die eigene
Tätigkeit befriedigender zu erleben.
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