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7.2 Sexualerziehung 7.2.1 Begründung Drogenkonsum setzt regelmäßig in der Adoleszenz (laut WHO 11. - 20. Lebensjahr; Sieber 1993), vielfach bereits in der Pubertät ein (vgl. 6.2, 6.4.2); Pubertät und Adoleszenz sind durch sexuelle und psychosoziale Entwicklung im Gefolge mit Identitätsfindung und Hineinwachsen in die Erwachsenenwelt gekennzeichnet. Meines Erachtens deutet einiges darauf, daß nicht nur die damit verbundenen Anforderungen Drogenkonsum auslösen, sondern Drogenkonsum auch in einem unmittelbareren Zusammenhang mit Sexualität steht. Wenn Frauen häufig ihrem drogensüchtigen Partner zuliebe mit dem Konsum von Drogen beginnen (Meier 1995, Fromm 1998), Süchtige in der Therapie oft in eine Beziehung flüchten (Missel 1992), die Rate heroinsüchtiger Frauen mit Mißhandlungs- und Mißbrauchserfahrung besonders hoch ist (Schätzungen 70 - 95%; Fromm 1998), Mädchen das Rauchen "häufig mit sexuellen und erotischen Symbolen verknüpfen" (ebd.), Partner in der Co-Abhängigkeit besondere Formen des Zusammenlebens eingehen (Roeb 1992), Drogenkonsum als geselligkeitsfördernd gilt, Jungen und Mädchen sich mit der Zigarette zu imponieren und die eigene Unsicherheit zu verbergen suchen, Ecstasy gerade wegen seiner "entaktogenen" (Holterhoff-Schulte 1998) Wirkung geschätzt wird (vgl. 6.1) - was man im übrigen sicher auch anderen Drogen andichten kann -, Junkies gelegentlich äußern "Ein Schuß Heroin ist geiler als jeder Orgasmus", an Sex- und Liebessucht denkt (Gaßmann 1988), außerdem die psychoanalytische Deutung des süchtigen als unreifen, narzißtischen Verhaltens (Rost 1992) oder die Lokalisierung des Drogenerlebens im Lustzentrum des Gehirns (Topel 1991, vgl. 4.5), halte ich das für hinreichende Hinweise, daß Drogenkonsum - abgesehen von vielen anderen Gründen - auch sehr direkt mit sexuellen Bedürfnissen in Verbindung steht, und es fällt die kreisende Bewegung der wissenschaftlichen Literatur um das Tabu auf (vgl. Freud 1994). Glöckner (1998) ist denn auch der Auffassung, daß die sexuelle Entwicklung, die ja bereits im Kindesalter einsetzt, großen Einfluß auf die Einstellung zu Drogen hat und eine befriedigende sexuelle Entwicklung die Person widerstandsfähig gegen Drogen macht. In Anlehnung an Erikson versteht sie Sexualität als Grunddimension des Lebens, die weit über die Fortpflanzungsfunktion hinaus allgemein die menschlichen Beziehungen mitgestaltet und unter den Aspekten der Aggressionsregulierung, Kommunikation, Hinwendung zum Leben und zum Mitmenschen eine Grundlage der Kultur bildet (ebd.); Sexualität ist aus dieser Sicht eine Basis unseres Zugangs zur Welt, "die Selbstverortung als Junge oder Mädchen ist einer der grundlegenden Aspekte der Art und Weise, sich zur Welt zu verhalten" (Helfferich 1995). Nach Glöckner (1998) bezeichnet Sexualität das Feld, auf dem die auf persönliches Wachstum und Gemeinschaft gerichteten Beziehungen eines Menschen mit seiner Umwelt realisiert werden, Sexualität ist der Impuls, der uns überhaupt erst in neugierigen, nicht unmittelbar eigennützigen Kontakt zur Umwelt treten läßt. Bedenkt man die Charakterisierung der Sucht als endostatischen Zustand (vgl. 2.3.2), außerdem die tiefe Verwurzelung des Drogenkonsums im Leben der Konsumenten oder den Charakter der Sucht als pathologische Form der Beziehungen eines Individuums zu seiner Umwelt (vgl. 3.), scheint es mir einleuchtend, der Sexualität eine herausragende Rolle für die Stellung von Drogen im Leben der Gemeinschaft und des Einzelnen zukommen zu lassen. Hier könnten möglicherweise auch die engen Beziehungen zwischen süchtigem Verhalten und Sehnsucht verortet werden (vgl. 5., Vogt 1993). Ausgangsbasis der Sexualität ist die sexuelle Identität (Glöckner 1998), also die Bejahung des eigenen Geschlechts und der eigenen Geschlechtlichkeit, als Teil der Identität, also des Eindrucks der Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit der eigenen Person, woraus bei befriedigenden Beziehungen die Übernahme einer adäquaten Geschlechtsrolle resultiert. Die Herausbildung einer sexuellen Identität ist dabei nach Erikson lebenslange Aufgabe, in der Pubertät kommt ihr mit dem Einsetzen der Geschlechtsreife freilich besondere Bedeutung zu (ebd.). Dennoch findet auch im Kindesalter sexuelle Entwicklung statt, Glöckner ist der Auffassung, daß bereits Kleinkinder eine "selbständig erworbene Ahnung geschlechtsgebundener Identität" (ebd.) besitzen und Personen und Objekte danach auswählen, ob sie zum eigenen Geschlecht passen oder nicht (ebd.). Von dieser Basis ausgehend wird die Umgebung zunehmend exploriert, in Beziehung zur eigenen Person gesetzt und dadurch eine zunehmend konsistente (Geschlechts-)Identität herausgebildet, sodaß Kinder zu Schulbeginn weitreichende Vorstellungen von den sozialen Bezügen und Aufgaben der Menschen beiderlei Geschlechts besitzen und die Fähigkeit, eigene Wünsche der Kontaktaufnahme und Gestaltung dieser Kontakte zu entwerfen. Das heißt, daß die Geschlechtsidentität zum Zeitpunkt der Einschulung zu einem erheblichen Teil festgelegt ist und die Pubertät in dieser Hinsicht eine zwar sensible, keineswegs aber grundlegende Phase darstellt (ebd.). Da es Charakter der Sexualität ist, die Beziehungen der Menschen zu gestalten (siehe oben), bildet sie sich auch im Austausch mit der Umgebung und wird von dieser beeinflußt, indem sie abhängig ist von Erfahrungen, die die Kinder machen, und Modellen, mit denen sie konfrontiert sind, z.B. in den Medien (ebd.). Sie ist also zu einem gewissen Grad steuerbar - "aus der Entwicklungsbedürftigkeit und Entwicklungsfähigkeit der menschlichen Sexualität ergibt sich die Notwendigkeit von Sexualerziehung" (ebd.). Dies ist seit Einführung sexualkundlichen Unterrichts an Schulen anerkannt. Da geschlechtliche Identität als Teil personeller Identität in erheblichem Maß in der Kindheit geprägt wird und wesentliche Voraussetzungen für die Bewältigung der Pubertät hier gelegt werden, hat Sexualerziehung als Teil institutioneller Erziehung zur Persönlichkeit auch früh einzusetzen, eventuell schon im Kindergarten (ebd.). Auf jeden Fall aber hat die Grundschule Schülerinnen und Schüler bei ihrer zunehmend selbstinitiierten - auch geschlechtlichen - Identitätsfindung zu unterstützen (ebd.).
Allerdings kann ein sexualerziehender Unterricht analog den derzeit gültigen Richtlinien für den Sexualkundeunterricht in der Grundschule, der (ebd.) sich weitgehend auf biologische Themen konzentriert emotionale, soziale, gesellschaftskritische, politische, ethische Aspekte menschlichen Sexuallebens lediglich anreißt Schwangerschaft, Zeugung, Geburt erst gegen Ende der Grundschulzeit thematisiert sich als einmalige Aufklärungsaktion versteht Lust ausklammert und auf den genitalen Orgasmus ausgerichtet ist vorwiegend auf kognitive Vermittlung setzt weder kind- noch sachgemäß ist Sexualität als eine bestimmten Lebensaltern vorbehaltene Lebensform vermittelt Verhütungsmittel, sexuellen Mißbrauch, AIDS verschweigt körperliche Entwicklung auch von Grundschulkindern außer acht läßt Sexualität von seelischem Erleben trennt, gerade nicht die Entwicklung geschlechtlicher Identität und ein umfassendes Verständnis menschlicher Sexualität bei den Schülerinnen und Schülern fördern. "Schule, die Sexualerziehung als Lebenshilfe begreift, verstößt dadurch gegen ihr eigenes Prinzip der Lebensnähe und läßt ihre Adressaten bei entscheidenden Fragen der körperlichen und seelischen Entwicklung im Stich" (Kluge 1996, zitiert nach Glöckner 1998).
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