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Suchtprävention in der Schule

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6.6.2 Entwicklungsstörungen

Unter Entwicklungsstörungen werden hier zeitliche Verschiebungen der pubertären Entwicklung verstanden, also Frühreife und Spätentwicklung. Wie unter 6.4.2 und 6.5.4 dargelegt wurde, ist die Pubertät eine Durchgangs- und Statuspassage (ebd.), verbunden mit einer "wenig stabilisierten Persönlichkeitsstruktur" (Hornung 1983). Da auch der Körper in dieser Phase mit Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale (Schambehaarung, Brustbildung bei Mädchen, körperliche Statur) massiven Veränderungen unterworfen ist, müssen Jugendliche außerdem in der Pubertät ein neues Verhältnis zum eigenen Körper gewinnen, sie müssen ein neues Körperselbstbild, auch Körperschema genannt, entwerfen.

Das Körperschema ist dabei eine wichtige Größe im Umgang mit Drogen; Drogen werden dem Körper zugeführt und führen dort zu Konsequenzen, Drogenkonsum stellt, wenn er süchtige Züge annimmt, ein respektloses und schädigendes Verhalten zum eigenen Körper dar. Ein positives Körperselbstbild, also die Bejahung des eigenen Körpers, ist daher als suchtprotektiver Faktor anzusehen. Mädchen erfahren dabei in der Pubertät erheblich massivere Veränderungen ihres Körpers als Jungen und scheinen insgesamt ein erheblich komplizierteres Verhältnis zum eigenen Körper zu besitzen (vgl. Fromm 1998), "Mädchen weisen insgesamt viel häufiger ein negatives Körperselbstbild als Jungen auf" (Glöckner 1998).

Besondere Schwierigkeiten können sich aus akzelerierter und retardierter Entwicklung ergeben, da dann die Orientierung an der Gleichaltrigengruppe wegfällt, außerdem die Umgebung in besonderer Weise auf Früh- und Spätentwicklung reagiert, was sich auf das Körperselbstbild auswirken kann. Da das Körperschema als Teil der Identität auch Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl und damit die Art und Weise, wie sich jemand gegenüber der Umwelt behauptet, hat, können sich daraus vielfältige Komplikationen ergeben.

Merkwürdigerweise wird ein negatives Körperselbstbild aber eher Spätentwicklern zugeschrieben, wohingegen die Gefahren der Frühentwicklung mehr in zu frühem Kontakt zu älteren, möglicherweise devianten Peer-Gruppen gesehen werden (Silbereisen 1991). Frühentwickelte Jugendliche hätten weniger Zeit, Strategien zur Bewältigung mit der Pubertät verbundener Anforderungen (auch Copingstrategien genannt) zu entwickeln (Glöckner 1998). In beiden Fällen könnte sich Drogenkonsum als Scheinlösung anbieten, um sich z.B. älter zu fühlen oder Akzeptanzprobleme zu kompensieren.

Dennoch wird einer akzelerierten Entwicklung sogar potentiell suchtprotektive Wirkung zugeschrieben (z.B. ebd., Kastner 1988, Sieber 1993). Glöckner (1998) ist der Auffassung, daß vor allem frühentwickelte Jungen "im allgemeinen positive Reaktionen aus der Umwelt auf ihr körperliches Wachstum" (ebd.) erfahren und es ihnen daher leichter falle, "sich über ihren Körper zu identifizieren" (ebd.). Frühentwickelte Mädchen erführen dagegen weit weniger positive Resonanz seitens der Umwelt, dennoch wurde auch bei ihnen ein erhöhtes Selbstwertgefühl gegenüber ihren Altersgenossinnen festgestellt (ebd.). Es wird vermutet, daß dies mit dem anderen Körpererleben von Frauen zu tun hat und "daß eine frühe körperliche Entwicklung bei Mädchen die Identitätsfindung, unabhängig von sozialer Bestätigung, erleichtern kann" (ebd.).

In gewisser Weise bestätigt wird dies von Kastner und Silbereisen (Kastner 1988), die darüberhinaus am Beispiel akzelerierter Entwicklung zeigen, daß Drogenkonsum nicht zwangsläufig eine problematische Form der Entwicklungsbewältigung sein muß, sondern sich durchaus sinnvoll in den Prozeß der Entwicklung einfügen kann. Sie zitieren eine schwedische Längsschnittstudie (Magnusson 1985), die fand, daß Mädchen in der mittleren Adoleszenz um so mehr Haschisch rauchten, je eher die Menarche eingetreten war, insbesondere wenn sie mit älteren Jungen befreundet waren. Gleichzeitig hörten sie aber im Erwachsenenalter früher mit dem Konsum auf, wohingegen normal entwickelte Jugendliche bekanntlich um so länger das Konsumverhalten beibehalten, je eher damit begonnen wurde (Kastner 1988). Entgegen der Annahme, daß die Mädchen die Gewohnheiten ihrer älteren Freunde übernommen hätten, gelangen Magnusson et al. (Magnusson 1985) laut Kastner und Silbereisen (Kastner 1988) zu der Auffassung, daß der relativ intensive Konsum frühentwickelter Mädchen auf das Bemühen zurückzuführen sei, die körperliche Entwicklung nach außen darzustellen und auf diese Weise Anspruch auf den damit verbundenen gesellschaftlichen Status zu erheben, der ihnen sonst aufgrund ihres Alters verwehrt bliebe.

"Sie verfolgen also eine wirklichkeitsnahe Strategie, um dem Problem mangelnder Passung zwischen neuem körperlichem Erscheinungsbild und alterstypisch psychosozialer Entwicklung beizukommen durch den Versuch, die Selbständigkeit, die der neuen Erscheinung entspricht, auf jugendtypische Weise nach außen darzustellen. Mit zunehmendem Alter und Ausgleich dieses Mißverhältnisses verliert sich die Grundlage des Problemverhaltens, es läßt sich in diesem Sinne vom "Ausreifen" [...] des Drogengebrauches sprechen" (ebd.).

Drogenkonsum als Demonstration des Erwachsenseins kann hier also, wenn er auf entsprechende Resonanz in der Umgebung stößt, positiv auf die Person rückwirken und dort weitere Entwicklung ermöglichen. Mir erscheint dieser Gedankengang auch deswegen nicht unplausibel, weil er Parallelen zu anderen Erklärungen jugendlichen Drogenkonsums wie z.B. der Selbstmedikation, der Subkultur oder der demonstrativen Vorwegnahme des Erwachsenenalters (Hurrelmann 1992) erlaubt, und scheint mir in anderen Situationen ähnlich vorstellbar. Der Grat zu anderen, mit frühem Konsum verbundenen Beeinträchtigungen - als Pseudoemanzipation mit früher Übernahme von Erwachsenenrollen, Verlassen von Elternhaus und Schule, früher Elternschaft und Ehe und fehlender Berufsausbildung in Verbindung gebracht (Sieber 1993) - dürfte freilich schmal sein, womit sich hier zum wiederholten Mal zeigt, wie schmal der Grat ist, auf dem Drogenkonsum seine Wirkung entfaltet und beurteilt wird (vgl. 1.1).

6.7 Zusammenfassung des zweiten Teils

Stellvertretend für potentielle Auslösefaktoren einer Sucht respektive bedenklichen Drogenkonsums wurden familiale und personale Komponenten dargestellt; außer acht blieben andere Faktoren des sozialen Umfelds, insbesondere die Peer-group, der übereinstimmend die größte Bedeutung für jugendlichen Drogenkonsum zugemessen wird (z.B. Engel 1993). Ausgehend von diesen beiden Ausschnitten der Lebenswelt junger Menschen wurden die vielfältigen Verästelungen, die das Drogenproblem im Leben Jugendlicher aufweist, und die vielfältigen Interaktionen, die die einzelnen Auslösefaktoren miteinander eingehen können, aufgezeigt, es wurde versucht zu zeigen, daß einzelne Faktoren sich gegenseitig verstärken, relativieren, günstigenfalls egalisieren, aber auch im zeitlichen Verlauf die Person letztlich stabilisierend wirken können. Besonderes Augenmerk wurde den bei Jungen und Mädchen verschiedenen Aspekten des Drogenkonsums geschenkt.

Meine Recherchen lassen mich zu der Auffassung gelangen, daß es sich bei der Sucht um ein cirkulär kausales Problem handelt, bei dem die Konsequenzen eines Faktors als Ursache wieder auf das Ergebnis, hier den Drogenkonsum, rückwirken können, einzelnen Faktoren somit höchstens noch eine gewisse Wahrscheinlichkeit für die Herbeiführung des Ergebnisses zugesprochen werden kann und die Chaostheorie greift (Löcherbach 1992). Spannend daher die Frage, wie sich Suchtprävention unter diesen Bedingungen zu gestalten hat.

  
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