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Suchtprävention in der Schule

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6.6.1 Persönlichkeitsmerkmale

Charakterliche Eigenschaften wurden schon sehr früh in der Suchtforschung auf ihre Bedeutung für die spätere Ausprägung einer Sucht hin untersucht (Sieber 1993), vermutlich spätestens, seit Sucht als gesellschaftliches Phänomen in Erscheinung trat (vgl. 1.2). Die zahlreichen Untersuchungen, die diesbezüglich angelegt wurden, weisen allerdings bis heute keine eindeutigen Ergebnisse aus, u.a. weil die hier zur Diskussion stehenden Variablen nur schwer in Untersuchungen zu operationalisieren sind und es schwer fällt, die Person von umweltlichen Bedingungen, z.B. bereits vorhandenem Drogenkonsum, zu trennen (Sieber 1993). In Langzeituntersuchungen, in denen Neugeborene über einen Zeitraum von zwanzig Jahren beobachtet wurden, konnte aber späterer Drogenkonsum anhand von Persönlichkeitsmerkmalen zum Teil recht zuverlässig vorhergesagt werden (ebd.).

Die solcherart in Untersuchungen gewonnenen, naturgemäß recht vagen Erkenntnisse werden aber darüberhinaus von einem großen Teil der Literatur zur Suchtprävention weitgehend ignoriert, wohl auch wegen des damit einhergehenden Eindrucks der Unvermeidbarkeit süchtigen Verhaltens. Dennoch soll hier auf einige Ergebnisse solcher Untersuchungen zu sprechen gekommen werden, da sie zeigen, daß bei aller Bedeutung ungünstiger umweltlicher Einflüsse, z.B. seitens der Familie, durchaus auch in der Person gründende Merkmale als potentielle Mitverursacher einer späteren Sucht in Betracht gezogen werden können und dies Auswirkungen auf präventive Maßnahmen hat.

Ins Visier genommen wurden bei den erwähnten Studien solche Eigenschaften wie Nervosität, Aggressivität, Depressivität, Erregbarkeit, Geselligkeit, Gelassenheit, Dominanzstreben, Gehemmtheit, Offenheit, Extraversion, Neurotizität (emotionale Labilität), Maskulinität, (verbale) Intelligenz, Konzentrationsvermögen, Unkonventionalität etc. einer Person (Hornung 1983, Sieber 1993). Diese Eigenschaften sind aber in den verschiedenen Untersuchungen nicht einheitlich definiert, ein häufig benutzter Standard ist das Freiburger Persönlichkeitsinventar FPI (ebd.) - auf weitere testpsychologische Einzelheiten kann hier nicht näher eingegangen werden.

Eine der am häufigsten in diesem Zusammenhang genannten Persönlichkeitsmerkmale ist die Extraversion, die als nach außen gewendete psychische Energie beschrieben (Hornung 1983) und mit Neugier, Spontanität, Risikobereitschaft und Geselligkeit assoziiert wird (Sieber 1993). Sieber hält einen Zusammenhang mit der Extraversion "zu den sichersten psychologischen Ergebnissen über das Raucherverhalten" (ebd.). Hornung et al. (1983) finden ebenfalls für die Extraversion, die sie als "entgegenkommendes Wesen, [...] sich leicht in jeder gegebenen Situation zurecht[finden], [...] rasch Bziehungen an[knüpfen], [...] sich unbekümmert in unbekannte Situationen hinaus[wagen]" definieren, einen Zusammenhang mit Drogenkonsum. Extravertierte könnten möglicherweise eher ihrer Neugier nachgeben, außerdem leichter Kontakt zu Personen aus der "Szene" aufnehmen (ebd.).

Einher mit diesen positiv konnotierten Eigenschaften geht aber auch das Bedürfnis nach stärkerer sensorischer Stimulation, das bekannte "sensation-seeking" (Künzel-Böhmer 1993) von Drogenkonsumenten, sowie mit der verstärkten Reiz- auch eine größere Risikoorientierung im Verhalten dieser Personen und eine geringere Konditionierbarkeit, sodaß z.B. weniger Hemmungen bestehen, sich der Drogen, zumal der illegalen, zu bedienen (Hornung 1983).

Etwas ähnlich und als wichtige Größe hinsichtlich jugendlichen Konsums, insbesondere illegaler Drogen, wurde weiterhin eine unkonventionelle und nonkonforme Lebensweise gefunden, einhergehend mit dem Streben nach Unabhängigkeit, sozialkritischer Einstellung und eher lockerer sozialer Integration der Betreffenden (Sieber 1993). Dieses Kriterium bezieht sich insbesondere auf den jugendlichen Cannabiskonsum (ebd.), zeigt aber auch die Abhängigkeit solcher Variablen von kulturellen Gegebenheiten. Als Maß für die soziale Integration dienten hier Religiosität und Teilnahme am kirchlichen Geschehen, was mit der Herkunft dieser Studien aus den USA der 70er Jahre verständlich wird. Es erinnert darüberhinaus an den wenig konventionellen und gering beaufsichtigenden Erziehungsstil der Eltern, der schon unter 6.5.3 als für Drogenkonsum verantwortlich beschrieben wurde.

Desweiteren wurde auch Intelligenz auf ihre Bedeutung für späteren Drogenkonsum hin untersucht. Sieber (ebd.) zeigt, daß in der Mehrzahl diesbezüglicher Untersuchungen Zusammenhänge zwischen Intelligenz und Drogenkonsum gefunden wurden derart, daß Schüler mit überdurchschnittlicher Intelligenz früher Drogen probierten als ihre Klassenkameraden. "Schüler, die gute Leistungen erbringen, keine Lernschwierigkeiten haben und nicht schüchtern sind, [...] getrauen sich frühzeitiger, neue Verhaltensweisen auszuprobieren" (ebd.). Im Laufe der Entwicklungsphase glichen sich die Unterschiede zu den Klassenkameraden zwar aus, Kreativität und Experimentierfreude seien aber wichtige Determinanten jugendlichen Konsums (ebd.). Dazu nicht unbedingt im Widerspruch korrelieren auch Schulabneigung und geringe Leistungsorientierung in der Schule mit dem Konsum von Drogen (ebd.).

Für eine neurotizistische Tendenz, deren negative Seite mit emotionaler Labilität, Reizbarkeit, Schuldgefühlen, depressiven Verstimmungen und psychischen Spannungen umschrieben und die ebenfalls häufig mit Drogenkonsum in Zusammenhang gebracht wird (Hornung 1983), sind die Ergebnisse widersprüchlich. Sieber (1993) hebt auf die jeweilige Definition dieser Variablen ab und betont die Bedeutung von Depressivität und geringem Selbstwertgefühl. Ursprünglich Inbegriff einer vermuteten "prämorbiden" Persönlichkeit, wird dem Konzept des Neurotizismus, der zum Drogenkonsum prädestiniert, heute weitgehend übereinstimmend eine Abfuhr erteilt, die Mehrzahl der Untersuchungen konnte dafür keine Belege liefern (ebd.).

Als relevant für späteren Drogenkonsum wurden dagegen abweichendes und aggressives Verhalten gefunden (ebd.). Suchtverhalten kann begünstigt werden durch

"... Probleme mit der Selbststeuerung während der Kindheit (Aufmerksamkeitsstörungen, mangelnde Impulskontrolle und, insbesondere bei Jungen, Aggressivität). So konsumierten solche Jugendlichen häufiger Drogen anfangs der Adoleszenz, die sich als Dreijährige durch geringe Ich-Kontrolle (Belohnungen können nicht aufgeschoben werden, impulsiv, emotional labil, leicht frustriert) auszeichneten" (Silbereisen 1995).

Dies gelte auch für verhaltene Aggressivität, wenn Schüchternheit mit Aggressivität gepaart auftritt (Sieber 1993). Interessant ein Befund, daß Schüler der ersten Klasse mit Lernschwierigkeiten, die außerdem aggressiv waren, in der Entwicklungsphase keinen erhöhten Drogenkonsum aufwiesen (ebd.).

Nervosität wird mehr mit psychosomatischen Störungen wie Händezittern, Schweißausbrüchen, Unruhe, Schlafstörungen sowie "starker körperlicher Affektresonanz" (Hornung 1983) in Verbindung gebracht und weitgehend übereinstimmend als starker Prädiktor für Drogenkonsum gesehen (ebd.).

Offenheit als Fähigkeit, sich selber kritisch zu sehen und Schwächen zuzugeben, wird von Hornung et al. ebenfalls als mit Drogenkonsum korrelierend erkannt - Menschen, die Drogen konsumierten, seien sich selber gegenüber kritischer eingestellt als solche, die keine Drogen konsumierten (Hornung 1983). Aufgrund ihrer Studie mutmaßen sie, daß Offenheit bereits vor Aufnahme des Drogenkonsums ein Merkmal der von ihnen untersuchten jugendlichen Konsumenten war (ebd.). Sie vermuten die Gefährdung dieses Personenkreises darin, daß diesen Menschen Probleme und Konflikte stärker im Bewußtsein präsent seien, und stellen gewisse Parallelen dieser Variablen mit dem Neurotizismus fest (ebd.).

Die genannten Merkmale können in dieser allgemeinen Form nur recht vage definiert werden und weisen daher meines Erachtens auch starke Parallelen untereinander auf. Auch wenn einzelne Konsumenten durch Extraversion, Unkonventionalität, Nervosität, Neurotizität, Offenheit, Intelligenz, Devianz charakterisiert sein mögen, können die hier gelieferten Beschreibungen doch nur als allgemeine Anhaltspunkte dienen, daß personelle Faktoren für späteren Drogenkonsum unter Umständen eine Rolle spielen. Ich halte sie vor allem für geeignet, den Blick über die Diskussion um das soziale Umfeld und die Anforderungen der Pubertät hinaus auch auf die Person zu lenken.

Inwiefern persönliche Konstitution und Drogenkonsum interagieren können, zeigt Sieber (1993) anhand des Befunds einer Studie: "Der Cannabiskonsum hatte einen signifikant positiven Effekt auf die spätere Selbstakzeptanz [...]. Häufiger Cannabiskonsum ist demnach mit einer verbesserten, später angestiegenen Selbstakzeptanz verknüpft." Zur Begründung führt er die Theorie der Selbstbeeinträchtigung von H. Kaplan (1983) an, die dahin geht, daß Drogenkonsum gerade in seiner Qualität als deviantem Verhalten das Selbstwertgefühl stärkt und eine "unangemessene Reaktion auf Gefühle der Selbstentwertung und Selbstbeeinträchtigung darstellt, die im Zusammenhang mit den Eltern oder Repräsentanten der sozial integrierten Gesellschaft entstanden sind" (Sieber 1993). Hier bieten sich also gewisse Parallelen zum Merkmal Nonkonformität bzw. Unkonventionalität an. Es zeigt außerdem den selbstregulierenden Charakter, den Drogenkonsum annehmen kann, wenn im Verlauf der Entwicklung - freilich abhängig von weiteren Einflußgrößen - mit der gestiegenen Selbstakzeptanz auch der Drogenkonsum abnimmt (ebd.).

Unterstützt wird diese Perspektive durch Hornung et al. (1983), die in ihrer Studie zu dem Ergebnis kommen, daß Konsumenten illegaler Drogen durchaus kein negativeres Selbstbild haben als Nichtkonsumenten. Vielmehr waren es die an illegalen Drogen interessierten (Noch-)Nichtkonsumenten, die sich selber im Vergleich zu allen anderen befragten Gruppen am negativsten einschätzten (ebd.). Für Jugendliche bestehe somit "die Gefahr, daß die Droge zum Hilfsmittel wird für die Erfüllung der elementaren Bedürfnisse nach sozialer Integration, Selbstsicherheit und Wohlbefinden" (ebd.). Für die Prävention folgern sie, daß Aktivitäten gefunden werden müßten, die ebendiese Bedürfnisse befriedigen.

Hinsichtlich der Bedeutung der genannten Persönlichkeitsmerkmale kommt Sieber zu folgender Einschätzung: In alle genannten Merkmale fließen auch umweltliche Faktoren mit ein, was sich insbesondere am Merkmal "Unkonventionalität" deutlich zeigt. Insofern kommt es immer auch auf die Umgebung der Betreffenden an, die darüber entscheidet, wie jemand charakterisiert wird, sich selber sieht und letztlich verhält. Persönlichkeit und soziales Umfeld stehen somit in einem engen Austauschprozeß miteinander und könnten auch als getrennte Perspektiven auf die gleiche Lebenswirklichkeit gesehen werden. Drogenkonsum und Sucht sind von daher nicht als Ergebnis einer zur Sucht disponierten "Suchtpersönlichkeit" zu betrachten, vielmehr könnte man von einem "Milieu" sprechen, in dem sich Sucht bzw. Drogenkonsum entfalten. Ausgeprägten Merkmalen der Person, die suchtfördernd wirken, erteilt Sieber denn auch eine Absage und hält ihnen die Vorstellung von "Persönlichkeitsaspekte[n] auf der Ebene der Einstellungen, die deutlich vom Sozialisierungsprozeß mitbeeinflußt werden" (ebd.), entgegen und hält diese für Drogenkonsum und eventuelle Sucht für mitverantwortlich.

Wieder mehr auf der Ebene der Merkmale führt er aber auch aus, daß diese wie z.B. Extraversion sehr differenzierte Wirkung entfalten können, insofern z.B. Dominanz und Ehrgeiz, die ebenfalls als Aspekte der Extraversion gelten, in der Phase der Konsumveränderung - wenn sich nach den Phasen der Initiation und Progression die Konsumgewohnheiten in Richtung Steigerung bzw. Permanenz verschieben - konsumhemmend wirken, wohingegen Extraversion als Gesamtkomplex auf Dauer als konsumfördernd gilt (ebd.). Insofern dürften hier aber auch Merkmale und Einstellungen einer Person ineinander übergehen, womit die Bedeutung in der Person gründender Faktoren analog des Schaubilds in 2.3.3 angemessen gewürdigt ist.

 

  
Suchtvorbeugung in Schule und Jugendarbeit
von Heinz Kaufmann
Siehe auch:
Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde:...
Die 50 besten Spiele fürs Selbstbewusstsein
Sonstige Artikel:
Über das Leben und andere Kleinigkeiten
von Peter Ustinov,
Bettina Foulon
The Stone Angel (Phoenix Fiction)
von Margaret Laurence
 
   
 
     
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