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6.5.5 Resümee In gewisser Weise stellen die in den Kapiteln 6.5.3 und 6.5.4 geschilderten Situationen Gegensätze dar, insofern es in Kapitel 6.5.4 vor allem um "enge", also stark bindungsorientierte Familien geht, während es in Kapitel 6.5.3 eher um durch Streit und mangelndes Verständnis gekennzeichnete Familiensituationen ging. Dabei können aber auch Streit und scheinbare Verständnislosigkeit Ausdruck starker emotionaler Bindungen zwischen den Familienmitgliedern sein, evtl. sogar eine angemessene und hilfreiche Ausdrucksform sein. Da die Familie als kleinste soziale Einheit der Gesellschaft immer durch eine gewisse Bindung charakterisiert ist und irgendein "Glaubenssystem" letztlich in jeder Familie eine Rolle spielen dürfte, kann für die Suchtprotektion ein Gleichgewicht als optimal angesehen werden, das den Familienmitgliedern einerseits Schutz und Sicherheit bietet, ihnen andererseits aber auch Gelegenheit gibt, sich auf die Außenwelt hin zu orientieren. Wo dies nicht der Fall ist, können Kinder sich nicht angemessen und förderlich entwickeln, Vertrauen in ihre Selbstwirksamkeit setzen, sich selber und ihre Umwelt differenziert wahrnehmen und zu selbständiger Lebensführung befähigt werden. Insofern kann die Familie als ein Ort der Entstehung süchtigen Verhaltens angesehen werden, der besonders dann zum Tragen kommt, wenn weitere ungünstige Einflüsse wie schlechte Schulnoten, mangelnde berufliche Zukunftsperspektiven oder bestimmte Peer-Gruppen hinzutreten (Engel 1993), die aber ihrerseits wiederum Reaktionen auf mangelnde erworbene Fähigkeiten sein können. Die unter 6.5.4 genannten Punkte decken sich meiner Ansicht nach stark mit Aussagen Hurrelmanns (1992), der ebenfalls in innerfamiliären Beziehungsstörungen, oftmals resultierend aus einer ungünstigen sozialen Situation der Familie, z.B. Arbeitslosigkeit, ein vorrangiges Motiv für Alkoholkonsum sieht und "ängstliche, verschlossene, sensitive, leicht verletzliche Persönlichkeiten mit einer geringen Frustrationstoleranz überdurchschnittlich häufig zu den Alkoholkonsumenten" zählt (vgl. 6.3). Heroinkonsumenten hält Waibel (1993) dagegen als eher durch eine permissive Laissez-faire-Erziehung mit geringer Bindung zwischen Eltern und Kindern gekennzeichnet. Andererseits werden in vielen Publikationen, vor allem aus der neurobiologischen Forschung, Heroin- und Alkoholkonsum ähnliche Motivationen unterstellt (z.B. Topel 1991, Rommelspacher 1996). Dies zeigt, wie schwierig es ist, die spezifischen Effekte von Drogen zu beobachten, zu beschreiben, ihnen bestimmte Motivationen der Konsumenten zuzuordnen und auch, sie mit Problemlagen allgemein, mit speziellen Situationen der Konsumenten in Besonderheit, in Verbindung zu bringen. Daraus ergibt sich als Konsequenz, daß alle in diesem Kapitel genannten Zusammenhänge zwischen familiärer Situation in der Kinder- und Jugendzeit und Drogenkonsum sehr vorsichtig und zurückhaltend bewertet werden müssen. Davon ausgehend, daß es zwischen Drogenkonsum und Situation eines Menschen Zusammenhänge gibt, sind diese äußerst diffiziler Natur und sehr sensibel in ihrer Konstellation, dennoch wirksam. Insofern dürfte, was Oppl mit Blick auf die therapeutische Beziehung sagt, auch für die Motivforschung des Drogenkonsums gelten: "Diese Welt der Sinngebung, des Glaubens, der Bedeutung, der Illusionen, Meinungen, Konventionen, Regeln, Phantasien sind die allerintangibelsten und doch hochwirksamsten Dinge, die man sich denken kann" (Oppl 1992). Gleiches gilt auch für die im folgenden Kapitel dargestellten, in der Person gründenden Wirkmomente des Konsums von Drogen. 6.6 Personale Auslösefaktoren des Konsums von Drogen Zunächst ist in diesem Zusammenhang mit Waibel (1993) zu sagen, daß es "ein Unterschied [ist], ob man sich ständig müde und abgekämpft fühlt oder vor Aktivität und Tatendrang strotzt, [...] ob man häufig krank ist [...] oder ob eine robuste Gesundheit vorliegt, [...] ob man beinahe ohne Einschränkung durch körperliche Gegebenheiten alle gewünschten Dinge in Angriff nehmen kann oder ob einem diesbezüglich Grenzen gesetzt sind". Mit anderen Worten, die individuelle physische Konstitution übt einen bedeutenden Einfluß auf die Entwicklung der Persönlichkeit und die Lebenseinstellung eines Menschen aus und ist damit auch für den Konsum von Drogen bedeutsam (ebd.). So sind Kinder, die schon früh daran gewöhnt sind, Medikamente gegen chronische Krankheiten zu nehmen, z.B. Insulin bei diabetes mellitus zu spritzen oder Asthmasprays bei asthma bronchiale zu inhalieren, sicher eher damit vertraut, chemische Stoffe und deren Applikationswerkzeuge zur Regulierung des persönlichen Wohlbefindens einzusetzen. Ansonsten tut sich die Wissenschaft aber abgesehen von psychoanalytischen Theorien und entwicklungspsychologischer Forschung schwer, in der Person angelegte Auslösefaktoren für den Konsum von Drogen zu eruieren (vgl. 4.4). Dennoch soll hier der Versuch unternommen werden, ebensolche Faktoren in der Literatur zu finden, auf ihre Bedeutung hin zu untersuchen und in einen Zusammenhang zu stellen. Dabei besitzen auch diese rein personalen Faktoren große Nähe zu von der Entwicklungspsychologie aufgegriffenen Themen, weshalb sie auch hier weitgehend gemeinsam dargestellt werden.
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