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Suchtprävention in der Schule

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6.5.4 Erfahrungen aus der klinischen Suchttherapie

Als letztes Indiz für die Bedeutung der Familie in Bezug auf Suchtmittelkonsum möchte ich auf Darstellungen von Suchttherapeuten zu sprechen kommen, die das familiäre Umfeld von Suchtkranken betreffen. Sie thematisieren ebenfalls die innerfamiliären Interaktionsmuster, der Schwerpunkt liegt auf den Rollenzuweisungen, die innerhalb des familiären Systems getroffen werden. Obwohl die Darstellungen aus dem klinischen Bereich stammen und sich meistenteils auf Familien mit einem alkoholkranken Elternteil beziehen, die Suchterkrankung als Symptom also bereits Wirkung auf die Familie ausübt, werden daraus Schlußfolgerungen gezogen, die auch auf Familien zutreffen können, die noch nicht von Sucht betroffen sind, also hier interessierende gefährdete Familien (Rösch 1992). Da diese Beschreibungen von "Suchtfamilien" (Roeb 1992) bzw. suchtgefährdeten Familien außerdem Parallelen mit Vermutungen aufweisen, die andernorts in Verbindung mit dem Präventionsgedanken geäußert werden, scheint es mir legitim, sie hier zur Sprache zu bringen.

Gemeinsam ist den genannten Darstellungen, daß sie den Familien Suchtkranker, hier wie gesagt meist ein Elternteil, große Kohäsion attestieren, d.h. dem Zusammenhalt der Familie wird von den übrigen Familienmitgliedern große Aufmerksamkeit geschenkt, es wird eine Harmonie gepflegt, die den tatsächlich vorhandenen Konflikten in diesen Familien nicht entspricht (Roeb 1992). In "Suchtfamilien" hat dies häufig die Funktion, die Suchterkrankung nach außen hin zu verbergen und offenen Konflikten innerhalb der Familie aus dem Weg zu gehen. Oppl bezeichnet solche Familien als "bindungsorientiert" (Oppl 1992), Rösch spricht von "Familienangst" (Rösch 1992) im Sinne großer Angstbesetztheit der Familienmitglieder, in der sich individuelle und kollektive Ängste mischen und bedingen. Das führt dazu, daß in diesen Familien Einstellungen wie "es ist nicht gut, Gefühle zu zeigen" oder "mir darf es nur gut gehen, wenn es allen anderen auch gut geht" (Oppl 1992) gehegt werden. Oppl spricht in diesen Fällen von "Glaubenssystemen" (ebd.), die in diesen Familien herrschen und die die Familienmitglieder an der Entfaltung ihrer persönlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten hindern. Solche Verhältnisse werden auch mit dem Begriff der Co-Abhängigkeit belegt, die als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt ist (vgl. Vogel 1999)

Systemisch orientierte Therapeuten gehen nun davon aus, daß solche innerfamiliären Beziehungs- und Interaktionsmuster nicht unbedingt als Reaktion auf die Erkrankung eines Familienangehörigen zu verstehen sind, sondern die Beziehungen innerhalb einer Familie auch dergestalt sein können, daß sie die Sucht oder eine andere psychische Erkrankung eines Familienangehörigen als Symptom erst auf den Plan rufen, z.B. um Hilfsbedürftigkeit oder das Bedürfnis des betroffenen Familienmitglieds nach Aufmerksamkeit und Zuwendung zu signalisieren. Für anorexia nervosa (Magersucht) und Bulimie hält Fromm (1998) beispielsweise fest:

"Wenn Mädchen in einer übertrieben harmonischen oder stark reglementierten Familienatmosphäre aufwachsen, und sie keine Chance haben, sich selbst auszuprobieren, eigene Vorstellungen und eine eigene Identität zu entwickeln, bleibt ihnen ihr Körper als einzige Möglichkeit, über die sie selbst bestimmen können."

Ursachen solcher Binnenorientierung von Familien können dabei außer der Sucht- oder einer anderen Erkrankung eines Familienmitglieds auch alle anderen Faktoren sein, die diese Familien von ihrer Umgebung abheben, also z.B. wirtschaftliche Situation, ethnische Herkunft, Religion, Behinderung, Weltanschauung, private Angelegenheiten, Kriminalität und unzählige andere Faktoren, die diesen Familien ein Bewußtsein der Besonderheit, Eigenartigkeit, Herausgehobenheit, Abgegrenztheit von der Umwelt verleihen und besonders dann problematisch werden, wenn sie mit Gefühlen der Minderwertigkeit oder des Fremdseins gegenüber der Umgebung gekoppelt sind (vgl. Schwab 1994). Es wird dann häufig eine "harte" (Rösch 1992) Realität konstruiert, mit für die Familienmitglieder verbindlicher Anschauung der Außenwelt, oftmals einhergehend mit starken Bedürfnissen gegenseitiger Kontrolle innerhalb der Familie (Roeb 1992) und Abschottung von der Umwelt.

In Anlehnung an die von Stierlin (1978) vertretene systemische Familientherapie gelangt Rösch (1992) daher zu folgenden Hypothesen:

o Suchtkranke kommen oft aus Familien mit rigiden Werthaltungen, z.B. gut - böse, erfolgreich - versagend, gläubig - ungläubig, gesund - ungesund etc., mit der Konsequenz, daß die Familie zur rettenden Insel inmitten einer feindlichen Umwelt stilisiert wird.

o Einher mit rigiden Werthaltungen und harter Wirklichkeitskonstruktion können starre Rollenzuweisungen innerhalb der Familie gehen, den Kindern wird ähnlich wie in Schulklassen die Rolle des Clowns, des Überlegenen, des Vermittlers, des Helden, des Sündenbocks, des Verlorenen, des Maskottchens etc. zugedacht, die zu verlassen oder zu erweitern ihnen nur schwer ermöglicht wird (ebd., vgl. Küfner 1992, Vogel 1999).

o Um das familiale System bei Priorität der externen Grenzen aufrechtzuerhalten, müssen die vermeintlich strengen internen Grenzen - z.B. bzgl. Rolle, Geschlecht, Generation - überschritten werden, sodaß z.B. Konflikte der Eltern über die Kinder ausgetragen, Koalitionen gebildet, Kinder entmündigt, verletzt, im Extrem sexuell mißbraucht werden und das familiäre System durch starre externe bei gleichzeitig diffusen internen Grenzen gekennzeichnet ist (Rösch 1992).

o es wird ein konfliktvermeidender Kommunikationsstil gepflegt, z.B. mit Befehlen oder aber Vermittlung von Botschaften über Dritte, Leugnung, Unterdrückung und Bagatellisierung von Meinungsverschiedenheiten, Blockierung direkter und offener Kommunikation, Uneindeutigkeit und Umleitung auf andere Themen (ebd.).

Kinder, die in solcherart geprägten häuslichen Milieus aufwachsen - mit rigider Rollenzuweisung, Nichtbeachtung personaler Grenzen, subtiler Instrumentalisierung, verzerrter Wahrnehmung -, haben es unter Umständen schwer, sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden, Beziehungen zu anderen Kindern einzugehen, ihre Umwelt angstfrei wahrzunehmen und eine konsistente Vorstellung von sich zu entwickeln. Allerdings schaffen es auch viele Kinder, sich ihrer Umgebung anzupassen und Defizite zu kompensieren, sodaß sie nicht auffallen.

Problematisch wird es dagegen dann, wenn in der Pubertät tiefgreifende Veränderungen anstehen, mit der einsetzenden Geschlechtsreife auch die zugehörige Geschlechtsrolle übernommen werden soll, die allmähliche Loslösung vom Elternhaus ansteht, tragfähige Beziehungen zu Gleichaltrigen eingegangen werden wollen und eine eigene Identität samt Geschlechtsidentität entwickelt werden muß (Kastner 1988). In dieser Phase haben viele Jugendliche Schwierigkeiten, neue soziale Positionen zu finden, ihre Geschlechtsrolle zu leben, angemessen auf die Erwartungen der Gesellschaft zu reagieren und sich gegen Widerstände seitens dieser durchzusetzen. Vor allem Mädchen müssen die Veränderungen ihres Körpers akzeptieren (Meier 1995). Gleichzeitig werden in dieser Phase wesentliche Grundlagen für das Erwachsenenalter geschaffen, die erfolgreiche Bewältigung der Konflikte ist für das weitere Leben entscheidend.

Für Jugendliche, die in ihrer Kindheit kein stabiles Selbstbild und Selbstwertgefühl entwickeln konnten, z.B. aufgrund obengenannter häuslicher Bedingungen, können dies Herausforderungen darstellen, die sie nur schwer oder unzureichend bewältigen (Hurrelmann 1992). Drogenkonsum kann dann z.B. die Funktion haben, diesen Anforderungen auszuweichen, indem für den Fall, daß die Jugendlichen in der Familie verbleiben, sie dort als "Kranke" die ersehnte Aufmerksamkeit erfahren, aber auch die Familienkohäsion weiter verstärken und so eine wichtige Funktion übernehmen, oder aber - für den Fall der Abwendung von der Familie - in einer drogenkonsumierenden Peer-group eine Subkultur finden, die ihrem Bedürfnis nach Abschottung von der als feindlich empfundenen Umwelt entgegenkommt (Küfner 1992).

Ebenso kann Drogenkonsum aber auch einer demonstrativen und sozusagen künstlich erzeugten Vorwegnahme des Erwachsenenalters dienen, unter Umgehung der damit verbundenen Aufgaben wie Finden neuer sozialer Positionen, vorzugsweise im Berufsleben, angemessenen Beziehungen zum anderen Geschlecht, Aneignung eines gesellschaftlichen Status oder eine befriedigende Lebensführung mit angemessenen Wechseln zwischen Leistung und Entspannung. Indem ein Jugendlicher sich z.B. einer drogenkonsumierenden Peer-group mit meist älteren Mitgliedern anschließt, deren Umgangsformen und Rituale übernimmt und dort eine Position in der Gruppenhierarchie findet, übernimmt er Verhaltensweisen - die in diesem Fall gleichzeitig Statussymbole sind - des Erwachsenenalters und kann sich älter fühlen als er wirklich ist (Dammer 1991).

In diesen Fällen hätte Drogenkonsum die Funktion einer Flucht nach vorne statt der Flucht in die Zurückgezogenheit, ausgelöst durch die gleiche Ausgangssituation, daß der Jugendliche in seiner Selbst- und Verhaltensunsicherheit den Anforderungen, die die Pubertät stellt, nicht begegnen kann. Ob der Jugendliche sich den Anforderungen, die auf ihn eindringen, verweigert und einen eher zurückgezogenen Konsum in geschützter Umgebung pflegt, oder das Erwachsensein in untauglicher Weise vorwegnimmt, indem er z.B. einen mehr extrovertierten Konsum mit vielen Begleitaktivitäten pflegt, hängt von den persönlichen Motiven des Konsumenten ab, dem Ziel, das er mit seinem Konsum anstrebt.

Auf diese Weise werden die Anforderungen, die die Pubertät an die Jugendlichen stellt, immer wieder mit jugendlichem Drogenkonsum, ihre unzureichende Bewältigung auch mit schwerer Sucht im Erwachsenenalter in Zusammenhang gebracht (letzteres vor allem von der frauenspezifischen Suchtforschung, vgl. Schmidt 1999, Meier 1995, Fromm 1998). Jugendliche entziehen sich durch den Drogenkonsum einer Umwelt, die ihnen schon in der Familie und von dieser, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, als abweisend vermittelt wurde, bzw. besitzen nicht die nötigen Fähigkeiten, sich mit ihrer Umwelt angemessen auseinanderzussetzen.

 

  
Qualification in Crime Prevention: Status reports from various European countries
von Marc Coester
Siehe auch:
Qualifications
von Billy Bragg (in MP3-Downloads)
Key Skills Flexible Resource Library CD Rom
von Financial Times Prentice Hall (in Software)
Beyblade, vol. 1 : qualifications [FR Import]
von Motoko Kumai, Urana Takano, und Ai Orikasa (in DVD & Blu-ray)
Starmania Die Neue Generation - Best of Qualification
von Starmania Ng (in Musik)
Abbreviation Qualification
von Asher Senator (in MP3-Downloads)
 
   
 
     
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