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Suchtprävention in der Schule

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6.5.3 Erziehungs- und Interaktionsstil

Als besonders riskant für späteren Drogenkonsum der Kinder fanden sie für die Väter eine wenig verständnis- und liebevolle, eher kalte, ablehnende und launische, aber auch überbesorgte Haltung den Kindern gegenüber, für die Mütter eine wenig verständnisvolle, überbesorgte, wenig kameradschaftliche, legere, inkonsequente, ablehnende und gleichgültige (jeweils in dieser Reihenfolge) Haltung den Kindern gegenüber (ebd.). Besonders verhängnisvoll sei eine ablehnende Haltung des Vaters und eine überbesorgte bei gleichzeitig wenig verständnisvoller Haltung der Mutter. Demgegenüber trete auch "Schaukelerziehung" (Waibel 1993), die ebenfalls häufig als Ursache genannt wird, mit für die Kinder nicht einsichtigen Wechseln im Erziehungsstil oder mangelnder Übereinstimmung zwischen den Eltern, an Bedeutung zurück (Hornung 1983).

"[...] hatten Eltern derer, die Mißbrauch zeigten, ihre Kinder in einer Kombination von geringer Konventionalität, wenig Aufsicht und Herausforderung, geringer Einflußnahme und wenig Unterstützung erzogen; kurzum das häusliche Milieu war durch Desinteresse und Instabilität gekennzeichnet. Jugendliche, die Alkohol wenig und/ oder Cannabis höchstens gelegentlich zu sich nehmen, hatten hingegen während der Kindheit Erfahrungen gemacht, in denen Wärme und Zuwendung mit klaren Erwartungen verbunden waren" (Silbereisen 1995).

Hornung et al. schließen daraus, daß eine häusliche "Atmosphäre des Verständnisses, des Akzeptierens und der Offenheit" (Hornung 1983), in der den Familienmitgliedern Eigenverantwortlichkeit zugestanden werde und Kinder klare Orientierungsmaßstäbe entwickeln könnten, am ehesten geeignet sei, dem Drogenkonsum vorzubeugen.

Daß es nicht so sehr auf äußere Umstände wie broken-home-Situation oder elterliches Modellverhalten ankommt, sondern mehr auf innerfamiliäre Interaktionsprozesse, wird durch die Studie von Hurrelmann et al. (Engel 1993) bestätigt, die Streß bei Kindern und Jugendlichen als erheblichen konsumauslösenden Faktor identifizierten und als in dieser Hinsicht bedeutende Streßfaktoren außer den Anforderungen, die die Schule stellt, auch ein durch Streit geprägtes Verhältnis zu einem Elternteil oder zu beiden Eltern fanden. Als Streit bezeichnen Hurrelmann et al. dabei ein Verhältnis, das nicht durch "Meinungsverschiedenheiten in der Sache" (ebd.), sondern durch überdauernde persönliche Konflikte zwischen den Beteiligten gekennzeichnet ist.

Als häufigste Anlässe, an denen sich die langanhaltenden Konflikte mit den Eltern entzündeten, stellten sich dabei für die Mädchen Streit um die Mithilfe im Haushalt, abendlicher Ausgang und die Schulleistungen, bei den Jungen Streit um die Mithilfe im Haushalt, Unordentlichkeit und abendlichen Ausgang (jeweils in dieser Reihenfolge) heraus. Es zeigte sich, daß die schulischen Leistungen auch dann Anlaß für Auseinandersetzungen waren, wenn sie den Anforderungen der Schule durchaus genügten (in über 50% der untersuchten Kohorte). Vielfach haben offenbar vor allem Mädchen den Eindruck, den Erwartungen der Eltern diesbezüglich nicht zu entsprechen, obwohl sie häufiger als die Jungen in diesen Fällen den Anforderungen der Schule tatsächlich gerecht wurden (ebd.). Junge Menschen sind offenbar laut Hurrelmann et al. im Hinblick auf ihre schulischen Leistungen einem hohen Erwartungsdruck seitens der Eltern ausgesetzt, nicht zuletzt mit der Konsequenz, die eigene Leistungsfähigkeit nur unzureichend einschätzen zu können (ebd.). Dies wiederum bedeutet enormen Streß für Kinder, die ja gerade ihre Fähigkeiten und Grenzen kennenlernen müssen.

In vielen Familien resultiert aus diesem Dilemma eine angespannte Situation, die Hurrelmann et al. darauf zurückführen, daß Eltern in einer Gesellschaft mit "hoher sozialer Mobilität" (ebd.), in der aber gleichzeitig der zukünftige Status wesentlich durch die besuchte Schulform und dadurch erreichte Bildungszertifikate determiniert wird, Druck auf ihre Kinder ausübten, um sie zu guten Schulnoten und möglichst hochgradigen Schulabschlüssen zu bewegen. Sie vermuten diese Mechanismen vor allem dort, wo Kinder einen höheren Ausbildungsstatus als ihre Eltern erreichen sollen bzw. dort, wo ein Abstieg gegenüber dem Ausbildungsniveau der Eltern droht.

"Hinsichtlich [...] der psychosozialen Risiken ist weniger die soziale Herkunft als solche als relevanter Bestimmungsfaktor anzusehen als vielmehr die Wechselwirkung dieses Statusfaktors mit der institutionalisierten Struktur des Schulsystems und die dadurch etablierten Mobilitätstrajektorien bzw. Bildungskarrieren" (ebd.).

Sie stellen nicht in Abrede, daß Druck seitens der Eltern vielen Kindern hohe Schulabschlüsse und im Endeffekt eine befriedigende Lebensführung ermöglicht, fragen aber, um welchen Preis dies zu haben sei (ebd.).

Besonders das Verhältnis zum gegengeschlechtlichen Elternteil ist in der untersuchten Altersgruppe durch solche Konflikte belastet (ebd.). Für viele Jungen und Mädchen ist die angespannte familiäre Atmosphäre aus Anlaß auch der schulischen Leistungen ein massiver und langfristiger Streßfaktor, der in Verbindung mit anderen Faktoren, insbesondere dem Anschluß an eine Clique, hohe Korrelationen mit dem Konsum von Zigaretten, Alkohol und Medikamenten, letztere vor allem bei Mädchen, aufweist (ebd.). Sie kommen zu dem Ergebnis, daß das Verhältnis der Väter zu den Töchtern durch solche Auseinandersetzungen stärker belastet ist als das der Söhne zu Mutter und Vater, Mädchen seien insgesamt häufiger mit einem schwierigen Verhältnis zu den Eltern belastet als Jungen (ebd., vgl. Schmidt 1999).

Wie verschieden Jungen und Mädchen auf die familiäre Konstellation reagieren, zeigen Aussagen von Glöckner (1998) und Schmidt (1999). Schmidt (ebd.): "Während für Mädchen eine kompetente, gut ausgebildete und entsprechend ihrer Qualifikation berufstätige (evtl. alleinerziehende) Mutter als protektiver Faktor gilt, sind Jungen besonders gut gegen Drogenmißbrauch geschützt, wenn sie in einer nahezu umgekehrten Familiensituation heranwachsen. Traditionelle Familienstrukturen und ein behütender Erziehungsstil, der geprägt ist von festen Strukturen und verbindlichen Regeln, wirkt sich bei Jungen positiv aus." Glöckner (1998) verweist auf das Ergebnis einer Studie, nach der allem Anschein nach für Mädchen ein eher älterer Vater suchtprotektiv wirke, während dies für Jungen eine eher jüngere Mutter sei.

Ich interpretiere die Aussagen von Hurrelmann et al. (ebd.) dahingehend, daß nach wie vor eine geschlechtsstereotype Erziehung an der Tagesordnung ist, die Jungen per se größere Eigenständigkeit und Selbständigkeit zubilligt (vgl. Fromm 1998). Darin könnte ein weiterer Grund für geschlechtsspezifische Konsumgewohnheiten gesehen werden, was von Hurrelmann et al. (Engel 1993) dadurch bestätigt wird, daß sie Mädchen eher internalisierende Konfliktverarbeitungsstrategien, wozu auch Drogenkonsum gezählt werden kann, bescheinigen, während Jungen eher mit nach außen gerichtetem Verhalten reagierten (vgl. Schmidt 1999).

Der scheinbare Widerspruch, der daraus entsteht, daß Jungen insgesamt mehr Drogen konsumieren, könnte dadurch aufgelöst werden, daß für Jungen viel eher als für Mädchen der Konsum von Drogen Ausdruckscharakter hat, also z.B. an Geselligkeit und Ansehen geknüpft ist, während er für Mädchen eher unmittelbar spannunglösende Funktion hat (Meier 1995). Dies wird vor allem von Autorinnen unterstrichen und dürfte für die Prävention interessant sein.

 

  
Suchtvorbeugung in Schule und Jugendarbeit
von Heinz Kaufmann
Siehe auch:
Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde:...
Die 50 besten Spiele fürs Selbstbewusstsein
Sonstige Artikel:
Die Himmel Rühmen...
Lernprogramm zu Schmolke / Deitermann. Industrielles Rechnungswesen IKR, 1. Teil. CD- ROM
von Winklers
 
   
 
     
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