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Suchtprävention in der Schule

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6.2 Epidemiologie des Drogenkonsums bei Kindern und Jugendlichen

Tabak und Alkohol sind nach wie vor die Drogen, die Kinder und Jugendliche zuerst konsumieren. Im Gebiet der alten Bundesrepublik ist der Konsum jedoch gegenüber den 70er Jahren zurückgegangen (Vogel 1999), was auf zunehmendes Problembewußtsein der Bevölkerung zurückgeführt wird (Hesse 1993). Für 1983 wird ein durchschnittliches Alter der ersten Rauchversuche für Jungen mit 9,7 Jahren, für Mädchen mit 12,2 Jahren angegeben (Lopez 1991), d.h. 40% der Jungen und 20,5% der Mädchen rauchten in der Grundschule die erste Zigarette (Brauner 1995). Dagegen wird für 1994 ein durchschnittliches Erstkonsumalter für Jungen und Mädchen jeweils knapp unter 14 Jahren angegeben (Vogel 1999).

Zur Entwicklung des Anteils der RaucherInnen vom 12./13. bis zum 16./17. Lebensjahr kommt eine Longitudinalstudie von Hurrelmann et al., die zwischen 1989 und 1992 durchgeführt wurde, zu folgenden Zahlen (Anteil RaucherInnen in % gemessen an der Zahl der SchülerInnen im jeweiligen Schuljahrgang, RaucherIn = mindestens eine Zigarette pro Woche) (nach Engel 1993):

Jahrgangstufe

7

8

9

10

Jungen

6,4 14,3 17,7 25,2
Mädchen 7,6 13,8 16,9

28

Entgegen dem allgemeinen Trend steigt der Anteil der jugendlichen Raucherinnen, sodaß seit einigen Jahren von den 12- bis 17-Jährigen mehr Mädchen als Jungen rauchen (Fromm 1998); die Jungen konsumieren allerdings intensiver (Vogel 1999). In NRW rauchen in derselben Altersgruppe 20% täglich, 4,4% mehr als 15 Zigaretten pro Tag (Hesse 1993). Die Wahrscheinlichkeit, mit dem Rauchen zu beginnen, ist in einem Alter von 16 Jahren am größten, d.h. danach sinkt das Risiko des Einstiegs in einen langfristigen Konsum (Kastner 1988).

Die Zahlen sind insofern von Bedeutung, als folgende Zusammenhänge vermutet werden können:

o früher Konsum ist besonders gesundheitsschädlich

o Konsumbeginn in der Prägephase der Adoleszenz kann ein Verhaltensmuster darstellen, das später beibehalten wird, damit langfristigen Konsum begünstigt und möglicherweise Abstinenzbemühungen im Erwachsenenalter erschwert

o die schädlichen Auswirkungen des Rauchens auf das Allgemeinbefinden werden zunehmend erkannt (Hesse 1993)

o Hurrelmann et al. (Engel 1993) äußern darüberhinaus die Vermutung, daß Tabak- und Alkoholkonsum den Konsum illegaler Drogen befördern.

Etwas später als der Tabakkonsum setzt der Konsum von Alkohol ein. Anfang der 90er Jahre hatten Jungen mit durchschnittlich 15,3 Jahren, Mädchen mit 16 Jahren den ersten Alkoholrausch (Vogel 1999). Mit 15 Jahren trinken 18% der Jungen und 13% der Mädchen regelmäßig Alkohol (Künzel-Böhmer 1993). In der Altersgruppe 12 bis 17 Jahre trinken 50% gelegentlich bis regelmäßig Alkohol (Hesse 1993). Von den 16- bis 17-Jährigen gelten 4% als alkoholabhängig, 9% als alkoholmißbrauchend (Schmidt 1999); Jungen sind davon dreimal häufiger betroffen als Mädchen (ebd.). Sowohl für Alkohol wie für Tabak gilt, daß der Übergang vnn gelegentlichem zu regelmäßigem Konsum am häufigsten zwischen der 9. und 10. Schuljahrgangsstufe stattfindet (Engel 1993).

Wiederum etwas später setzt der Konsum illegaler Drogen ein, wobei Haschisch den weitaus größten Teil ausmacht (96%), gefolgt von Ecstasy (Vogel 1999). Verschiedene Gründe lassen den Konsum illegaler Drogen nur schwer ermitteln (Tossmann 1991), dennoch seien hier folgende Zahlen genannt: Das durchschnittliche Erstkonsumalter derjenigen, die illegale Drogen benutzen, lag Anfang der 90er Jahre bei 17,3 Jahren; Mädchen beginnen früher mit dem Konsum als Jungen (Vogel 1999). Von den 14- bis 24-Jährigen haben 4% der Männer und 2,3% der Frauen Erfahrung mit Ecstasy (ebd.) Bis zum Alter von 19 Jahren konsumieren mehr Mädchen als Jungen Ecstasy (Fromm 1998). Haschisch wird von 7% der 15-Jährigen und 15% der 17-Jährigen regelmäßig konsumiert (Petermann 1997).

Quantitativ vernachlässigbar ist das Interesse von Schülern an Heroin (Kollehn 19911). Es spielt aber insofern eine Rolle, als ihm der Ruf des "Tödlichen und Mächtigen" vorausgeht (Dammer 1991), tatsächlich wohl gravierende Auswirkungen auf Lebensführung und psychische Gesundheit der Konsumenten hat, und von daher meiner Meinung nach in der Prävention berücksichtigt werden sollte. Ähnliches, was potentielle Auswirkungen auf die psychische Gesundheit angeht, gilt meiner Erfahrung nach für Lysergsäurediäthylamid (LSD), wo bereits einmalige Überdosierungen irreversible seelisch-geistige Schäden hinterlassen können; mir sind mehrere Fälle bekannt, in denen Überdosierungen von LSD vermutlich auf einen Schlag Wesensveränderungen auslösten, die eine selbständige Lebensführung dieser Personen nachhaltig behindern. - Für Schüler weitgehend unbedeutend ist Kokain (Kollehn 19911), evtl. wegen seines hohen Preises. Für die Verbreitung von Amphetaminen ("Speed") und LSD, also Ecstasy-verwandten Substanzen, werden ähnliche Zahlen wie für Ecstasy genannt (Vogel 1999).

Eine Sonderrolle nehmen Medikamente und Schnüffelstoffe ein. Medikamente - hier solche mit psychotroper Wirkung -, weil ihr Gebrauch gesellschaftlich sanktioniert ist und bereits Kindern verordnet werden (Voß 1995). Es fehlt daher bei Mißbrauch leicht die Einsicht, sich gesundheitsschädigend zu verhalten. Darüberhinaus fällt der Mißbrauch oft jahrelang nicht auf, da die Medikamente zunächst der Leistungsfähigkeit dienen (ebd.). 32% der 12- bis 17-Jährigen nehmen wöchentlich Medikamente ein, davon sind 8% Kopfschmerzmittel, 2% Beruhigungs- bzw. Schlafmittel und 1% Anregungsmittel (Hesse 1993). Ab dem 16. Lebensjahr nehmen Mädchen doppelt soviele Medikamente ein wie Jungen (Vogel 1999).

Schnüffelstoffe spielen gegenüber den illegalen Drogen insofern eine besondere Rolle, als sie wenig beachtet werden (Hesse 1993), zumindest früher "ärmsten sozialen Schichten" (Altenkirch 1995) vorbehalten waren und eine erhebliche Gesundheitsgefahr darstellen, wenn z.B. Plastiktüten mit Klebstoff über den Kopf gezogen werden und im Zusammenspiel mit der Drogenwirkung Erstickungsgefahr droht (ebd.). Bei den 12- und 13-Jährigen sind es 3%, die Schnüffelstoffe gebrauchen (Hesse 1993).

Die Zahlen mögen einen ungefähren Eindruck davon vermitteln, wie verbreitet Drogenkonsum im Kindes- und Jugendalter ist. Es zeigt sich, daß der Anteil derjenigen, die einen besorgniserregenden Drogenkonsum pflegen, zwischen ca. 4% (Tabak, Alkohol) und 8% (Schmerzmittel) liegt. Damit ist freilich nicht gesagt, daß der Konsum der übrigen Jugendlichen unproblematisch ist. Die größte Gesundheitsgefahr in epidemischer Hinsicht dürfte wegen ihrer weiten Verbreitung und ihres exzessiven Konsums von Tabak und Alkohol ausgehen (Hesse 1993). Den illegalen Drogen kommt insofern Bedeutung zu, als sie außer dem Bedürfnis nach Rausch auch die Bereitschaft zur Devianz signalisieren und damit weitere, die Entwicklung behindernde Prozesse in Gang setzen können.

Dem jugendlichen Drogenkonsum wird aber nicht nur aus Gründen potentieller Gesundheitsschädigung Aufmerksamkeit geschenkt, sondern auch wegen des damit einhergehenden Sozialverhaltens (Engel 1993). Insbesondere der Verbindung von Alkoholkonsum und aggressivem Verhalten bzw. Kriminalität wurden schon etliche Untersuchungen gewidmet (vgl. ebd.). Es sollte daher nicht außer acht gelassen werden, daß auch aus diesem Grunde ein gesellschaftliches Bedürfnis nach Kontrolle des Drogenkonsums Jugendlicher besteht.

 

  
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