Title:

Suchtprävention in der Schule

Home
deutsch
  
ISBN: 3875811275   ISBN: 3875811275   ISBN: 3875811275   ISBN: 3875811275 
 
|<< First     < Previous     Index     Next >     Last >>|
  Wir empfehlen:       
 

 

4.5 Biologisch-phylogenetische Theorien

Interessant scheinen mir biologische Theorien zur Suchtgenese zu sein, die der neurobiologischen Forschung entspringen und das mesolimbische System des Gehirns als Sitz des süchtigen Verlangens ausmachen (Topel 1991). Dieses System besitzt enge Verbindungen zum Lustempfinden und wird auch als körpereigenes Belohnungssystem apostrophiert (ebd.). Es befindet sich in dieser Form außer beim Menschen auch bei anderen höheren Wirbeltieren (vgl. 4.4). So entwickeln auch Ratten und Mäuse in Versuchsanordnungen eine Alkohol- bzw. Opiatsucht, d.h. sie ziehen Alkohol- bzw. Opiatlösungen normalem Trinkwasser vor und behalten dieses Verhalten auch nach einer zwangsweisen Abstinenz von mehreren Monaten bei (Wolffgramm 1995).

Faszinierend an dieser Sicht ist, daß das limbische System in der Evolution sehr alt ist, ihm darum auch zumindest von einigen Forschern eine relativ zentrale Stellung im Nervensystem zugesprochen wird (Linke 1999). Winter (1993) apostrophiert denn auch Sucht nicht allein negativ, sondern sieht sie als Aspekt des phylogenetisch wichtigen Forscher- und Entdeckerdrangs des Menschen - wie aller Lebewesen, die sich in der Evolution behaupteten. Sie argumentiert, daß in der Jäger- und Sammlergesellschaft die Fähigkeit des Menschen, sich ganz auf die Nahrungssuche mit dazugehörigem Lebenskampf - z.B. gegen starke Tiere - zu konzentrieren, überlebenswichtig war, und daß in Verbindung mit der Befriedigung, die im Falle des Erfolgs daraus resultierte, diese Menschen durchaus als süchtig nach den Tätigkeiten des Sammelns und Jagens bezeichnet werden konnten. Auf diese Weise habe sich die Veranlagung bis heute vererbt, nur daß die Kultur keine Gelegenheit zu solchen Situationen und der daraus resultierenden Befriedigung biete, weshalb sie auf andere Weise gesucht würden (ebd.). Gross (1990), zitiert nach Winter (1993):

"Die Suche nach Extremsituationen ist so alt wie die Menschheit. Sich selbst überwinden, die eigenen Grenzen überschreiten, Neues erforschen, es genauer wissen wollen, experimentieren mit riskanten Situationen - all das gehört zur Evolution der Menschheit."

Süchtiges Verhalten sei Ausdruck dieses ursprünglich arterhaltenden Drangs nach Grenzüberschreitung, Erfahrung, Selbstwirksamkeit, letztlich nach Erkenntnis - augenfälligster Ausdruck dafür der Boom der Extremsportarten (Winter 1993). Etwas anders sieht es Konrad Lorenz, der vom "Wärmetod des Gefühls" (Lorenz 1973, zitiert nach Waibel 1993) in der Zivilisation spricht; der moderne Mensch ist es nicht mehr gewohnt, Spannungen auszuhalten - muß er es doch, gelingt dies oftmals nur mit Hilfe von Drogen.

4.6 Mythologisch-existentielle Theorien

Ähnlich wie die aus der biologischen Theorie abgeleiteten Implikationen rekurrieren diese Theorien auf den Zusammenhang von Sucht und Suchen, wobei die etymologische Verwandtschaft eher zwischen Sucht und Siechen liegt (Waibel 1992), das aber wiederum auf Suchen im Sinne einer Entwicklung verweist. Sucht wird hier beschrieben als Suche nach sich selbst, nach dem Sinn des Lebens (ebd.), nach Wiedergeburt (Vogt 1993), aber auch nach dem Tod.

Interessant daran ist die Nähe dieser Suchprozesse zu Initiationsriten, mit denen bei vielen Völkern - in den technisierten Ländern in rudimentärer Form - die Jugendlichen in die Gesellschaft eingeführt bzw. in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen werden. Vogt (ebd.) erwähnt den "Jungianer" Zoja, der in der Suche nach Initiation - hin zu einem neuen Leben - ein Grundmotiv für Drogenkonsum und letztlich Sucht vermutet. Ähnlich Niebling (Kapitel 1.4 "Die Suchtgesellschaft?") argumentiert er, daß Drogenkonsum als Weg zu einem neuen Leben untauglich sei (Vogt 1993). Der Wunsch nach Erneuerung, nach neuer Qualität des Lebens, sei aber fundamental:

"[...] Ich meine daher, daß eine Tendenz zur Drogeneinnahme existiert, die völlig unabhängig von besonderen milieubedingten Umständen und nur als archetypisches Bedürfnis erklärbar ist. [...] Wie sich der Jüngling der primitiven Gesellschaft der Initiation anvertraute, um dieser Bedeutungslosigkeit zu entkommen und endlich eine vollkommene und erwachsene Identität zu erringen, so träumt der Mensch unserer Gesellschaft, der verloren, passiv, nur zum Konsum und zur Wiederholung millionenfach ausgeführter Gesten fähig ist, insgeheim von einer Veränderung, die ihn erwachsen, unverwechselbar, zum Protagonisten und Schöpfer macht und ihn nicht nur puren Konsumenten sein läßt" (Zoja 1986, zitiert nach Vogt).

Gleichwohl sei Depressivität unabhängig von der gesellschaftlichen Ordnung eine Grundform menschlicher Existenz, dem Menschen eine manisch-depressive Struktur immanent (Vogt 1993). Dem angemessen wäre eine Lebenshaltung, die sich durch ein Gleichgewicht aus handelnd aneignender Hinwendung zur Welt und passiv erduldender Ergebenheit ihr gegenüber auszeichnen würde; dieses Gleichgewicht werde in religiösen Ritualen angestrebt und sei auch Ziel von Initiationsriten. Die depressive Seite menschlicher Existenz werde dagegen in unserer Kultur verdrängt, dem Rechnung tragende Rituale fehlten. "Mangels strukturgebender Rituale" (ebd.) wird versucht, die ursprüngliche Bedeutung des Lebens als Gleichgewicht aus Erdulden und aktivem Tun mittels Drogenkonsum zurückzugewinnen bzw. zu erschließen. Dieser Versuch ist freilich durch die individuelle Herangehensweise, der die gesellschaftliche Autorität (und damit Struktur, W.K.) fehlt, zum Scheitern verurteilt (ebd.):

"[...] zeigt er, daß er schon von vornherein vergiftet ist. Nicht durch eine Substanz, sondern gerade durch jene Konsumabhängigkeit, gegen die er protestieren wollte und die keine Verzichtleistungen, keine Depressionen, keine leeren psychischen Räume zuläßt. Er verfügt demnach nicht über den inneren Raum, der, in Verbindung mit äußeren Ritualen, als Gefäß für die Erneuerung dient" (Zoja 1986, zitiert nach Vogt).

Ähnlich wie bei Niebling (vgl. 1.4) wird Sucht hier also als strukturelles Phänomen moderner Gesellschaften aufgefaßt.

  
Echter Rausch kommt von innen: Suchtvorbeugung von Jugendlichen für Jugendliche
von Frank Lindemann
Siehe auch:
Die echte italienische Küche
von Franco Benussi, Reinhardt Hess, und Sabine Sälzer (in Küche & Haushalt)
Freischwimmer
von Echt (in Musik)
Echte Freunde - Dostana
von Priyanka Chopra, Abhishek Bachchan, und John Abraham (in DVD & Blu-ray)
Du trägst keine Liebe in dir
von Echt (in MP3-Downloads)
igadgitz echtes Leder Tasche Etui Schutzhülle Case Hülle aufklappbar in Schwarz für Samsung YP-R1 MP3-Player
von igadgitz (in Elektronik, Foto & PC)
 
   
 
     
|<< First     < Previous     Index     Next >     Last >>| 

Back to the topic site:
ScientificPublication.com/Startseite/Wissenschaft

External Links to this site are permitted without prior consent.
   
  Home  |  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Copyright ©  |  Impressum