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4.5 Biologisch-phylogenetische Theorien Interessant scheinen mir biologische Theorien zur Suchtgenese zu sein, die der neurobiologischen Forschung entspringen und das mesolimbische System des Gehirns als Sitz des süchtigen Verlangens ausmachen (Topel 1991). Dieses System besitzt enge Verbindungen zum Lustempfinden und wird auch als körpereigenes Belohnungssystem apostrophiert (ebd.). Es befindet sich in dieser Form außer beim Menschen auch bei anderen höheren Wirbeltieren (vgl. 4.4). So entwickeln auch Ratten und Mäuse in Versuchsanordnungen eine Alkohol- bzw. Opiatsucht, d.h. sie ziehen Alkohol- bzw. Opiatlösungen normalem Trinkwasser vor und behalten dieses Verhalten auch nach einer zwangsweisen Abstinenz von mehreren Monaten bei (Wolffgramm 1995). Faszinierend an dieser Sicht ist, daß das limbische System in der Evolution sehr alt ist, ihm darum auch zumindest von einigen Forschern eine relativ zentrale Stellung im Nervensystem zugesprochen wird (Linke 1999). Winter (1993) apostrophiert denn auch Sucht nicht allein negativ, sondern sieht sie als Aspekt des phylogenetisch wichtigen Forscher- und Entdeckerdrangs des Menschen - wie aller Lebewesen, die sich in der Evolution behaupteten. Sie argumentiert, daß in der Jäger- und Sammlergesellschaft die Fähigkeit des Menschen, sich ganz auf die Nahrungssuche mit dazugehörigem Lebenskampf - z.B. gegen starke Tiere - zu konzentrieren, überlebenswichtig war, und daß in Verbindung mit der Befriedigung, die im Falle des Erfolgs daraus resultierte, diese Menschen durchaus als süchtig nach den Tätigkeiten des Sammelns und Jagens bezeichnet werden konnten. Auf diese Weise habe sich die Veranlagung bis heute vererbt, nur daß die Kultur keine Gelegenheit zu solchen Situationen und der daraus resultierenden Befriedigung biete, weshalb sie auf andere Weise gesucht würden (ebd.). Gross (1990), zitiert nach Winter (1993):
Süchtiges Verhalten sei Ausdruck dieses ursprünglich arterhaltenden Drangs nach Grenzüberschreitung, Erfahrung, Selbstwirksamkeit, letztlich nach Erkenntnis - augenfälligster Ausdruck dafür der Boom der Extremsportarten (Winter 1993). Etwas anders sieht es Konrad Lorenz, der vom "Wärmetod des Gefühls" (Lorenz 1973, zitiert nach Waibel 1993) in der Zivilisation spricht; der moderne Mensch ist es nicht mehr gewohnt, Spannungen auszuhalten - muß er es doch, gelingt dies oftmals nur mit Hilfe von Drogen. 4.6 Mythologisch-existentielle Theorien Ähnlich wie die aus der biologischen Theorie abgeleiteten Implikationen rekurrieren diese Theorien auf den Zusammenhang von Sucht und Suchen, wobei die etymologische Verwandtschaft eher zwischen Sucht und Siechen liegt (Waibel 1992), das aber wiederum auf Suchen im Sinne einer Entwicklung verweist. Sucht wird hier beschrieben als Suche nach sich selbst, nach dem Sinn des Lebens (ebd.), nach Wiedergeburt (Vogt 1993), aber auch nach dem Tod. Interessant daran ist die Nähe dieser Suchprozesse zu Initiationsriten, mit denen bei vielen Völkern - in den technisierten Ländern in rudimentärer Form - die Jugendlichen in die Gesellschaft eingeführt bzw. in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen werden. Vogt (ebd.) erwähnt den "Jungianer" Zoja, der in der Suche nach Initiation - hin zu einem neuen Leben - ein Grundmotiv für Drogenkonsum und letztlich Sucht vermutet. Ähnlich Niebling (Kapitel 1.4 "Die Suchtgesellschaft?") argumentiert er, daß Drogenkonsum als Weg zu einem neuen Leben untauglich sei (Vogt 1993). Der Wunsch nach Erneuerung, nach neuer Qualität des Lebens, sei aber fundamental:
Gleichwohl sei Depressivität unabhängig von der gesellschaftlichen Ordnung eine Grundform menschlicher Existenz, dem Menschen eine manisch-depressive Struktur immanent (Vogt 1993). Dem angemessen wäre eine Lebenshaltung, die sich durch ein Gleichgewicht aus handelnd aneignender Hinwendung zur Welt und passiv erduldender Ergebenheit ihr gegenüber auszeichnen würde; dieses Gleichgewicht werde in religiösen Ritualen angestrebt und sei auch Ziel von Initiationsriten. Die depressive Seite menschlicher Existenz werde dagegen in unserer Kultur verdrängt, dem Rechnung tragende Rituale fehlten. "Mangels strukturgebender Rituale" (ebd.) wird versucht, die ursprüngliche Bedeutung des Lebens als Gleichgewicht aus Erdulden und aktivem Tun mittels Drogenkonsum zurückzugewinnen bzw. zu erschließen. Dieser Versuch ist freilich durch die individuelle Herangehensweise, der die gesellschaftliche Autorität (und damit Struktur, W.K.) fehlt, zum Scheitern verurteilt (ebd.):
Ähnlich wie bei Niebling (vgl. 1.4) wird
Sucht hier also als strukturelles Phänomen moderner Gesellschaften aufgefaßt.
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